Wertewandel

Synonyme „Wandel“

Wandlung, Übergang, Metamorphose, Transformation, Transition

Ähnlich: Veränderung, Änderung, Wechsel, Wendung, Umbruch

Konstruktiv: Weiterentwicklung, Entwicklung

Englisch: vicissitude, shift (Umschaltung), change (Veränderung), flux (Fluss), mutation (Mutation)

Definition

Wenn bereits etablierte und wesentliche Werte innerhalb einer Wertegemeinschaft oder Gesellschaft durch neue Werte ersetzt werden, spricht man von Wertewandel.

Ergo: Da ein Wertesystem Orientierung schafft, muss eine Neuorientierung (bewusster Wertewandel) ein neues Wertesystem erschaffen.

Beschreibung

Wertewandel vollziehen sich in der Regel in einem schleichenden Prozess, welcher von den beteiligten Protagonisten kontrovers durchlaufen wird. Ein neues Wertesystem löst dabei ein altes Wertesystem ab, wobei nicht immer alle Werte bzw. Grundwerte ersetzt werden. Vielmehr verändern sich die Wichtigkeiten mittels veränderter Priorisierungen der präferierten Wertvorstellungen.

Auch die kausalen Zusammenhänge werden neu ausgerichtet (Verkettung von „Wenn-dann-Werten“. Siehe hierzu im Kapitel „Was sind Werte“ den Abschnitt „Die Werte-Ketten“.

Als Wertewandel kann man auch bezeichnen, wenn eine Person oder eine Gruppe, ihre „Daseinsprinzipien“ bewusst ändert, um sich selbst weiterzuentwickeln oder äußeren Gegebenheit – Bsp. Herausforderungen – anzupassen.

Bis Ende des letzten Jahrhunderts haben Wertewandel noch mindestens einen Generationswechsel benötigt. Seit der Jahrtausendwende hat sich dieser Zyklus beschleunigt. 

Initiatoren sind meist non-konformistische oder innovative Gruppen (Subkulturen), die bestimmte „neue Werte“ definieren, um ein zuvor postuliertes Problem zu lösen oder visionäre bzw. innovative Ziele zu erreichen.

Als Gegenprotagonisten sind meist etablierte und sozial stabile Gruppierungen auszumachen, die eher traditionelle (non-innovative) Gesinnungen pflegen. Dies ist verständlich, da diese Gruppen durch einen Wertewandel ihre Stabilisierungsfaktoren verlieren würden, welche auf deren Grundwerte aufgebaut sind.

Der Begriff „Wandel“ ist in den Jahren 2000 und 2012 besonders häufig verwendet worden[1]. Siehe hierzu die Peaks in der nachfolgenden Grafik in den Jahren: 1659, 1729, 1852, 2000 und 2012.

Grafik: Worthäufigkeit „Wandel“ (1600 bis 2016) - aus DWDS.de
Abb. Worthäufigkeit „Wandel“ (1600 bis 2016)

Ursachen für Wertewandel

Die Auslöser für einen Wertewandel sind vielschichtig. Hier die wichtigsten Gründe:

  • Technische Innovationen
    (neue Möglichkeiten, neue Aspekte von Lebensqualität, etc.)
  • Verlust von gewohnten Merkmalen der Lebensqualität
    (Epidemien, Ressourcenverluste, Bankrott)
  • Evolutionäre (naturbedingte) Notwendigkeit
    (Naturkatastrophen, Klimawandel, Überbevölkerung)
  • Territoriale Veränderungen
    (Krieg mit Übernahmen, nationale Vereinigungen, Auswanderungswellen, etc.)
  • Verschmelzungen von Kulturen
    (Werteemulsion; Landesflucht, Fusionen, Internationalisierung von Unternehmen, etc.)
  • Manipulation
    (Fanatismus, mediale Negativberichterstattung, Intriganz, etc.)
  • Höheres Bewusstsein
    (freies Wissen, objektive Erkenntnisse durch Entdeckungen, etc.)

Im Kern basieren die meisten Gründe immer auf Angst oder starke Zuneigung (Liebe, ethisches Empfinden). Diese beiden Motivatoren bilden die stärksten Kräfte aus, die für einen Drang nach Veränderung verantwortlich sind und dabei den Verlust von „alten Werten“ in Kauf nehmen.


Aktuelle Wertewandel

Anhand obiger Liste lassen sich recht leicht, einige aktuelle und zukünftige Wertewandel feststellen und zuordnen. 

„Digitalisierung“

Als Erstes können wir die massive Veränderungen in Bezug auf technologischen Fortschritt, der durch die enorme Frequenzerhöhung der Innovationszyklen zustande kommt, erkennen. Unter dem Stichwort Digitalisierung ist scheinbar eine Massenhysterie innerhalb von Organisationen entstanden. Innovationsforscher, Unternehmensberater, meinungsführende Unternehmer und Philosophen postulieren Schreckensszenarien für diejenigen, die sich dem sog. „digitalen Wandel“ nicht konstruktiv widmen.

Hier findet seit Mitte der 1990er Jahre sichtbar ein fulminanter Wandel statt, der unsere Gewohnheiten, Interessen und Rituale maßgeblich beeinflusst hat. Darüber hinaus ist durch eine neue Dimension von Skalierbarkeit aller verfügbaren Daten und Datenströme eine Art Meta-Algorithmus entstanden, der neue Wertschöpfungsszenarien ermöglicht. Neue Berufe entstehen, die mit völlig neuen Wertesystemen hantieren. Diese werden sich in den nächsten Jahrzehnten entpuppen bzw. entfalten. Wesentliche Aspekte sind Spielräume (Freiheit statt Sicherheit), vielfältige Optionen (Wahlmöglichkeiten), Selbstverwirklichung.

Ökologie

Dass essentielle Ressourcen unseres Planeten, welche das Überleben der Menschheit gewährleisten, nur einmal verbraucht werden können, ist seit den 1970er Jahren weitläufig propagiert worden. Seit der Jahrtausendwende ist nahezu jeder zivilisierte Mensch darüber informiert worden. Daraus resultierte ein neues Bewusstsein über die Zusammenhänge in der Natur und in Teilen auch die Bereitschaft, dafür Verantwortung zu übernehmen. 

Die Begriffe Klimawandel, Energiewende waren bis vor kurzem ein Dauerbrenner und leiteten einen weltweiten Wertewandel ein.

Als Überbegriff für Lösungen wurden Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien genannt. Ganze Wirtschaftszweige sind entstanden, die den althergebrachten den Garaus machten. 

Flüchtlinge und Immigranten

Durch die aktuellen Wellen von sog. Zuwanderung innerhalb Europas wurden andere Themen des Wertewandels verdrängt. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass es bei diesem Themenkomplex um Aspekte von Unsicherheit und Angst handelt.

Neben einem zukünftig bevorstehenden (noch unbewussten) Wertewandel handelt es sich als zunächst um reine „Veränderung“, die an sich noch kein Wertewandel darstellt. Grundsätzlich hat der Mensch Respekt oder meist Angst, vor Veränderungen, da dies immer mit dem Verlust von Stabilitätsfaktoren einhergeht.

Sachkundige Publizisten differenzieren die Art von Flüchtlingen in Vertriebene, Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge und Klimaflüchtlinge.

Das Integrieren dieser Menschen ist eine besondere Herausforderung, da in den meisten Fällen unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen und somit andersartige Wertesysteme kollidieren. Dies ist zumindest der vordergründige Konflikt, welcher in den Medien gerne inszeniert wird. So kursieren auf dramatisierter Art Begriffe, wie beispielsweise „Leitkultur“, welche der Konfrontation eine feindselige Anmut geben, die wohl durch die Angst getrieben wird, seine eigenen Werte für sich und sein kulturelles Umfeld zu verlieren.

An dieser Stelle sollte bedacht werden, dass weltweit fast alle Menschen die gleichen Grundmotive (Unversehrtheit, Anerkennung, Beziehungen, etc.) haben. Hier wäre also eine gute Basis für Verständigung gegeben, was allerdings voraussetzt, dass wir aus der allgemein verbreiteten oberflächlichen Denkweise (Bewertungen durch Vorurteile) heraustreten sollten.

Bildung

Neben „sozialer Gerechtigkeit“ ist der Begriff Bildung ein Klassiker in jeder politischen Diskussion – seit Jahrzehnten. Zahlreiche Bildungsreformen wurden angekündigt und einige davon umgesetzt. Doch der systemische Kern wurde nie verändert. Noch heute existiert der preußische Gedanke, fleißige Untertanen zu züchten. Dennoch treibt es immer mehr Eltern um, für ihre Kinder eine optimale Vorbereitung auf das tatsächliche Leben zu fordern.

Offensichtlich ist nicht bekannt, was der Begriff Bildung bedeutet, weswegen am Thema und dem ursprünglich gewollten Kontext vorbei reformiert wird. 

Der Theologe und Philosoph Meister Eckhart (1260 bis 1328) führte den Begriff Bildung erstmals in die Deutsche Sprache ein. Er beschrieb es als das „Erlernen von Gelassenheit“ – mit dem Ziel, der Mensch soll Gott ähnlich werden. Dabei wird Bildung von außen an den Menschen herangetragen. Seine Aufgabe besteht demnach darin, sich der von Gott gegebenen Bildung hinzugeben. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts blieb diese Denkweise weitestgehend bestehen. 

Im Zuge aller Reformationen, der Aufklärung und anderen Transformationen von Wertesystemen wurde diese Definition nie angepasst. Der Begriff „Gott“ wurde offensichtlich durch die jeweils neue Obrigkeit ausgetauscht.

Aktuell findet ein Wertewandel statt, der diese Form der Unterwerfungen in eine dem Zeitgeist entsprechende Freigeistigkeit transformieren soll. Dieser Prozess wird nicht konkret beschrieben, sonder über Unmut über das sog. Establishment ausgedrückt. 

„Disruption“

Der Begriff Disruption (englisch = Störung, Belästigung, Unterbrechung, Erschütterung) wird sehr häufig im Coaching und Change-Management verwendet und bedeutet in diesem Kontext so viel wie „bestehende, festgefahrene Muster zerstören“. Eine Methode aus dem Brainstorming, welches gezielt auf Konfrontationskurs zu traditionellen Systemen, Denkweisen, Gewohnheiten und Wertvorstellungen geht.

Disruption erzwingt zunächst einen fiktiven Wertewandel in den vorgefundenen Denkstrukturen, um durch eine gezielte Störung derselben, Raum für neue Aspekte, Ideen, Lösungen, Varianten und Wertvorstellungen zu schaffen.

Einer der bekanntesten Protagonisten von Disruption aus der Neuzeit ist Steve Jobs.


Zitate

„Du veränderst Dinge nicht, indem Du die bestehende Realität bekämpfst. Um etwas zu verändern, musst Du ein neues Modell erschaffen, welches das bestehende Modell überflüssig macht.“

R. Buckminster Fuller 


[1] Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „Wandel“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/r/plot?view=2&norm=abs&smooth=line&genres=0&grand=1&slice=1&prune=0&window=0&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A2016&q1=Wandel>, abgerufen am 07.07.2017.


Letzte Bearbeitung am 12.02.2018

Eine komplette Liste aller Werte (Wertvorstellungen)
Zur Liste aller Werte