Wertewandel

Wortformen: Wertewandlung

Synonyme

Kulturwandel, Paradigmenwechsel

Destruktiv: Wertezerfall, Werteverfall

Synonyme „Wandel“

Wandlung, Übergang, Metamorphose, Transformation, Transition.

Ähnlich: Veränderung, Änderung, Wechsel, Wendung, Umbruch.

Konstruktiv: Weiterentwicklung, Fortschritt, Entwicklung, Evolution, Konvertierung.

Englisch: value change, changing values

Englisch (Wandel): transformation (Umwandlung), vicissitude (Wechselhaftigkeit), shift (Umschaltung), change (Veränderung), flux (Fluss, spez. Heraklit), mutation (Mutation)



Definition allgemein

Im Duden finden wir: "auf den Veränderungen der Lebensverhältnisse, der Ausweitung des Wissens, dem Wandel von Weltanschauungen, Ideologien o. Ä. beruhende Veränderung der Vorstellung von Werten, Wertsystemen, Wertorientierungen"

Quelle: https://www.duden.de/node/690177/revisions/1380667/view

Definition im wertesystemischen Kontext

Ein Wertewandel findet statt, wenn etablierte und bewährte wesentliche Werte (normative Wertvorstellungen) innerhalb einer Gesellschaft oder Wertegemeinschaft durch neue Werte ersetzt werden. Dieser Wertetausch findet meist in Form einer konvertierenden Transformation statt.


Beschreibung

Wertewandel vollziehen sich in der Regel in einem schleichenden Prozess, welcher von den beteiligten Protagonisten kontrovers durchlaufen wird. Ein neues Wertesystem löst dabei ein altes Wertesystem ab, wobei nicht immer alle Werte bzw. Grundwerte ersetzt werden. Vielmehr verändern sich die Wichtigkeiten mittels veränderter Priorisierungen der präferierten Wertvorstellungen.

Auch die kausalen Zusammenhänge werden neu ausgerichtet (Verkettung von „Wenn-dann-Werten“. Siehe hierzu im Kapitel „Was sind Werte“ den Abschnitt „Die Werte-Ketten“.

Es entstehen neue kollektive Denkmuster, aus denen in Folge neue Entscheidungsmuster für einzelne Personen und anschließend neue Handlungsmuster resultieren.

Als Wertewandel kann man auch bezeichnen, wenn eine Person oder eine Gruppe, ihre „Daseinsprinzipien“ bewusst ändert, um sich selbst weiterzuentwickeln oder äußeren Gegebenheit – zum Beispiel provozierende oder anreizende Herausforderungen – anzupassen.

Ergo: Da ein Wertesystem Orientierung schafft, muss eine gewollte Neuorientierung ein neues Wertesystem erschaffen. Es findet ein bewusster, oft konfrontativer Wertewandel statt.

Bis Ende des letzten Jahrhunderts haben Wertewandel noch mindestens einen Generationswechsel benötigt. Seit der Jahrtausendwende hat sich dieser Zyklus beschleunigt. 

Initiatoren sind meist non-konformistische oder innovative Gruppen (Subkulturen), die bestimmte „neue Werte“ definieren, um ein zuvor postuliertes Problem zu lösen oder visionäre bzw. innovative Ziele zu erreichen.

Als Gegenprotagonisten sind meist etablierte und sozial stabile Gruppierungen auszumachen, die eher traditionelle (non-innovative) Gesinnungen pflegen. Dies ist verständlich, da diese Gruppen durch einen Wertewandel ihre Stabilisierungsfaktoren verlieren würden, welche auf deren Grundwerte aufgebaut sind. Innerhalb dieser skeptischen Gruppen wird ein Wertewandel meist Wertezerfall oder Werteverfall genannt, was deren subjektiv kurzfristigen Betrachtungsweise geschuldet ist. Ein Wertezerfall ist jedoch ein logischer Bestandteil eines Wertewandels. Und aus gegenwärtigen Erkenntnissen wissen wir, dass frühere traditionelle Skeptiker in der heutigen oder gar zukünftigen Retrospektive meist belächelt werden.

Der Begriff „Wandel“ ist in den Jahren 2000 und 2012 besonders häufig verwendet worden [1]. Siehe hierzu die Peaks in der nachfolgenden Grafik in den Jahren: 1659, 1729, 1852, 2000 und 2012.

Grafik: Worthäufigkeit „Wandel“ (1600 bis 2016) - aus DWDS.de
Abb. Worthäufigkeit „Wandel“ (1600 bis 2016)

Siehe in der Grafik die „Peaks“ der Jahre: 1659, 1729, 1852, 2000 und 2012.


Ursachen für Wertewandel

Die Auslöser für einen Wertewandel sind vielschichtig. Hier die wichtigsten Gründe:

  • Technische Innovationen
    (neue Möglichkeiten, neue Aspekte von Lebensqualität, etc.)
  • Verlust von gewohnten Merkmalen der Lebensqualität
    (Epidemien, Ressourcenverluste, massiver Wettbewerb, Bankrott, Schicksalsschläge)
  • Evolutionäre (naturbedingte) Notwendigkeit
    (Naturkatastrophen, Klimawandel, Überbevölkerung)
  • Territoriale Veränderungen
    (Krieg mit Übernahmen, nationale Vereinigungen, Auswanderungswellen, etc.)
  • Verschmelzungen von Kulturen
    (Werteemulsion [2]; Landesflucht, Fusionen, Internationalisierung von Unternehmen, etc.)
  • Manipulation
    (Fanatismus, mediale Negativberichterstattung, Intriganz, Erpressung, Guru Anbetung, etc.)
  • Höheres Bewusstsein
    (freies Wissen, Erkenntnisse durch Entdeckungen, Optimismus, etc.)

Im Kern basieren die meisten Gründe immer auf Angst (abgeschwächt auch anhaltende Unzufriedenheit) oder starke Zuneigung (Liebe, ethisches Empfinden, etc.). Diese beiden Motivatoren bilden die stärksten Kräfte aus, die für einen Drang nach Veränderung verantwortlich sind und dabei den Verlust von „alten Werten“ in Kauf nehmen.

Meistens werden Wertewandel durch präsente und motivierende Laudatoren eingeleitet oder begleitet. Sie aktivieren mit ihrer Präsenz und Überzeugungskraft Personen und Sub-Gruppen, die entweder begründet unzufriedenen oder non-konformistisch geprägt sind.

Wertewandel in der Geschichte

Der Begriff Wertewandel wird fälschlicherweise vorwiegend für die massiven Veränderungen in der 1960er Jahren verwendet, dessen Auswirkungen in den 1970er Jahren sichtbar wurden: bunt, laut, schrill, freizügig, konsumierend und teils verschwenderisch.

Insbesondere das zunehmende „Arbeiten müssen“, um sich dem scheinbar glücklich machenden „Konsum“ zu unterwerfen, erreichte einen erneuten Höhepunkt.

Dadurch wurden die essentiellen menschlichen Bedürfnisse im Eifer der Gefechte fast endgültig vergessen.

Der Sozialpsychologe und Bestsellerautor Erich Fromm schrieb im Jahre 1976:

„Der Kapitalismus des 18. Jahrhunderts machte Schrittweise einen radikalen Wandel durch: Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. Der Wirtschaftsmechanismus wurde als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist - ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzten in Gang hält.“

Erich Fromm (1900 bis 1980)
aus „Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ [3]

Durch solche, sowie auch frühere, ähnlich aufklärerische und zum Umdenken auffordernde Schriften, ist allmählich ein neues Bewusstsein beim sogenannten Proletarier [4] entstanden. 

Im Laufe der Zeit – beginnend ab den 1950er Jahren – verwandelten sich die meisten arbeitenden Proletarier in Konsumenten. Der Zenit der Konsum- und Verbrauchsgesellschaft ist scheinbar noch nicht erreicht.

Im Laufe der Zeit – beginnend ab den 1950er Jahren – verwandelten sich die meisten arbeitenden Proletarier in Konsumenten. Der Zenit der Konsum- und Verbrauchsgesellschaft ist scheinbar erreicht, so dass ein neues Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Gesundheit entsteht.

Derartige Wertewandel gab es regelmäßig in der Geschichte der denkenden Menschheit. Einige verliefen langsamer, andere schneller. Einige waren gewaltig oder gar brutal, andere verliefen fast unbemerkt. Die größten und mächtigsten Wertewandel, können in nur wenige langzyklische Phasen eingeteilt werden, wobei deutlich zu beobachten ist, dass die Zyklen immer kürzer werden.

Fangen wir am Anfang an:

Die „Neolithische Revolution“ (15.000 bis 6.000 v.Chr.)

Die meisten Menschen verwandelten sich vom fleischessenden Nomaden zum sesshaften Ackerbauer (neolithische Revolution), später kam die Viehzucht dazu. Man lebte in weitläufig verstreuten und autonomen Siedlungen. 

Eine kulturelle (hier im Sinne von „Kultivieren“) Revolution.

Der Pflug (6.000 v.Chr.)

Die Erfindung und Nutzung des Pflugs sorgte dafür, dass die landwirtschaftlichen Erträge beträchtlich wuchsen. 

Dies war eine erneute kulturelle Revolution.

Erste Städte (4.000 bis 1.000 v.Chr.)

Die Entstehung von Städten erfolgte anfänglich in Ägypten (am Nil), in Mesopotamien und in Südamerika (an der Pazifikküste). 

Das Zusammenleben basierte auf völlig neuen Bedingungen und Möglichkeiten zur Bildung von kulturellen und sub-kulturellen Wertegemeinschaften. Das Prinzip der „Kommune“ entstand.

Die Schrift (3.500 bis 1.000 v.Chr.)

Erfindung der ersten Schriften in Form von Symbolen und/oder Zeichen. Dadurch konnten Botschaften, Ideen, Weltanschauungen, Wertesysteme und technische Konstrukte genau dokumentiert und nachhaltig weitergegeben werden.

Die alten Griechen (800 bis 30 v.Chr.)

Im antiken Griechenland entstanden Begriffe und autonome Leitbilder für Politik und Kritik – die Geburt der Demokratie. 

Sie schufen die (westliche) Philosophie, zur Erschaffung eines rationales Weltbildes. Es folgten Werke in Dichtung, Literatur, bildender Kunst und Theater sowie Impulse für Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. 

Ebenso schufen sie die „Olympischen Spiele“ (776 v.Chr.), die über 1.000 Jahre am gleichen Ort ausgetragen wurden. Seit 1894 gibt es nach diesem Vorbild die „Olympischen Spiel der Neuzeit“, nun mit globalem und völkerverständigem Charakter, was latente Auswirkungen auf einen neuen Geist des fairen Wettbewerbs zur Folge hat.

Konfuzius und Buddha (500 v.Chr. bis 400 v.Chr.)

Von Laozi (auch Laotse; 6. Jh. v.Chr.) inspiriert, beeinflusste Konfuzius [5] das seit Jahrhunderten religiös und kulturell zerfallene „Chinesische Reich“ mit seinen Lehren und schaffte neue Orientierung.

Kurz danach sorgte Buddha (ursprünglich: „Siddhārtha Gautama“) in Indien dafür, dass eine neue Weltanschauung entstand, die sich bis heute durchgesetzt hat.

Das Römische Reich (800 v.Chr. bis 600 n.Chr.)

Das (lateinisch) „Imperium Romanum“ durchlebte viele Kulturwandel. Im Wesentlichen wurde es durch die Übernahme von griechischen Kulturelementen (ca. 30 v.Chr.) und später durch das Einführen des Christentums (ca. 400 n.Chr.) als Staatsreligion kulturell transformiert.

Die Aufklärung (1650 bis 1800)

Das sogenannte „Zeitalter der Aufklärung“ fand in Europa und Nordamerika satt. Es bediente sich dem zuvor erfundenen Buchdruck (1450), der als „Erste Medienrevolution“ gilt.

Zahlreiche Freigeister, meist Philosophen, appellierten an die Vernunft des einzelnen Menschen, sich gegen starre Traditionen und veraltete Ideologien aufzulehnen. Der Mensch sei im Denken und in seinem Geiste frei und zur Selbstverwirklichung bestimmt. 

Hier wurden gleich zwei etablierte Machtinstanzen in Frage gestellt: Dogmatische Kirchen und die Monarchie. Eines der bekanntesten Ergebnisse ist die „Französische Revolution“ von 1789 bis 1799.

Das Industriezeitalter (ab ca. 1800)

Hier können wir zunächst auf die „Theorie der Langen Wellen“ (Konjunkturzyklen) von „Joseph Schumpeter“ („Business Cycles“ von 1939) zurückgreifen. Konkreter hat dies dann der russische Wirtschaftswissenschaftler „Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew“ 1926 skizziert: Die „Langen Wellen“ seien Paradigmenwechsel, die innovationsinduzierten Investitionen zur Folge haben. Er postulierte, dass neue Technologien nicht die Ursache, sondern die Folge von diesen langen Wellen sind. Oder kurz: Jede Errungenschaft, provoziert eine neue Weiterentwicklung, die eine Transformation von Gewohnheiten und Wertvorstellungen mit sich bringt.

Erster und Zweiter Weltkrieg (1914 bis 1945)

Zwei Weltkriege mit einer kurzen Unterbrechung von 21 Jahren, in denen zunächst wirtschaftlicher Aufschwung herrschte (die „Goldenen 20er Jahre“) und dann weltweit zahlreiche Turbulenzen für Orientierungslosigkeit, Angst und Not sorgten. 

Die Ergebnisse dieser beiden Kriege waren im Nachgang auch medial präsent, so dass - entsprechen der Stimmungen der jeweiligen Bevölkerung – weltweit Allianzen zwischen Nationen geschlossen wurden, um ähnliches zu verhindern. 

In Folge wirkte sich das auch auf Konzerne aus, die sich internationalisierten. 

Somit wurden unterschiedliche Kulturen und in Folge Unternehmenskulturen und Wirtschaftssysteme zusammengeführt.

Weitere historische Wertewandel

Hier nur kurz in Stichpunkten, weitere beispielhafte Ereignisse, die Paradigmenwechsel begleitet oder eingeleitet haben, welche immer auch mit großen und kleinen Wertewandel verbunden waren: 

  • Erfindung des Buchdrucks (1450)
  • Entdeckung von Bakterien (1676)
  • Erfindung der Telefonie (1837)
  • Entdeckung von Viren (1882)
  • Erfindung des digitalen Computers (1937)
  • Hiroshima und Nagasaki (1945)
  • Erfindung der vollautomatischen Waschmaschine (1946)
  • Erfindung des Internets; vorher ARPANET [6] (1968)
  • Tschernobyl (1986)
  • Erfindung des WWW [7] (1989)
  • “Mauerfall“ in Deutschland (1989)
  • Zerfall der Sowjetunion (1990)
  • Erste nutzbare Smartphones (1996)
  • Entstehung von Web 2.0 und der "Cloud" (2003)
  • Einführung des iPhones (2007)
  • Einführung des iPads (2010)

Aktuelle Wertewandel

Anhand der beiden o. a. Listen der „Ursachen für Wertewandel“ und „Wertewandel in der Geschichte“, lassen sich recht leicht einige aktuelle Wertewandel feststellen und zuordnen, aber auch zukünftige Wertewandel vorhersagen. Wir beleuchten hier beispielhaft einige Szenarien, die massiven Einfluss auf das aktuelle Zeitgeschehen, in Bezug auf das Transformieren zahlreicher Wertesysteme in unserer sich zunehmend globalisierenden und technologisierenden Gesellschaft, haben.

Privatisierung von Monopolisten

Viele Staatsunternehmen (Post, Bahn, Elektrizitätswerke, etc.) wurden seit Anfang der 1990er Jahre teilweise oder komplett privatisiert. Die mit den klassischen Elementen des „sicheren Beamtentums“ vorhandene Arbeitsmoral wurden durch leistungsorientiertes Arbeiten und kundenorientierte Servicementalität ersetzt. Obwohl die meisten dieser längst privaten Unternehmen in der realen Wirtschaft angekommen sind, leiden sie auch heute noch unter einer gewissen Trägheit: Der enorme Wille für Innovation und nach einem sympathischen Image leidet unter traditionellen Wertvorstellungen.

Automatisierung und Digitalisierung

Obwohl die Digitalisierung bereits in der 1960er Jahren begann, wurde sie erst Mitte der 1990er Jahre deutlich sichtbar. Dezentrale Netzwerksysteme schufen völlig neue Möglichkeiten, für eine überregionale Vernetzung mit schnellem Datenaustausch. Das Internet wurde zur Normalität in allen Unternehmen und bot eine Plattform für Utopien, in die eine Menge Geld investiert wurde. Seit Anfang dieses Jahrhunderts haben sich Neuerungen und Innovationen in einer nie da gewesenen Geschwindigkeit abgelöst.

Heute können wir massive Veränderungen unserer Lebensgestaltung in Bezug auf technologischen Fortschritt, der durch die enorme Frequenzerhöhung der Innovationszyklen zustande kommt, erkennen. Unter dem Stichwort Digitalisierung ist in den letzten Jahren eine zunehmende Hysterie und Hektik innerhalb von Organisationen entstanden. Innovationsforscher, Unternehmensberater, meinungsführende Unternehmer und Philosophen postulieren Schreckensszenarien für diejenigen, die sich dem sog. „digitalen Wandel“ nicht konstruktiv und ernsthaft widmen.

Hier findet also seit Mitte der 1990er Jahre sichtbar ein fulminanter Wandel statt, der unsere Gewohnheiten, Interessen und Rituale maßgeblich beeinflusst hat. Darüber hinaus ist durch eine neue Dimension von Skalierbarkeit aller verfügbaren Daten und Datenströme eine Art Meta-Algorithmus entstanden, der neue Wertschöpfungsszenarien ermöglicht.

Neue Berufe und Nischen für Geschäftsfelder entstehen, die mit völlig neuen Wertesystemen und Denkstrukturen hantieren. Diese werden sich in den nächsten Jahrzehnten entpuppen bzw. entfalten. Wesentliche Aspekte sind Spielräume (Freiheit statt Sicherheit), vielfältige Optionen (Wahlmöglichkeiten), Selbstverwirklichung.

Alte Arbeitsplätze fallen in zunehmender Geschwindigkeit weg und stellen das völlig veraltete staatliche Bildungssystem vor die Aufgabe, sich auf die neu entstehenden Berufe einzustellen. Da dies in vorbereitender Weise bereits in den 1990er Jahren hätte geschehen müssen, wird das heute fehlende Wissen sowie die notwendigen Fertigkeiten und Denkweisen (Geisteshaltung) allmählich über das neue digitale System selbst vermittelt: Google, YouTube & Co liefern „just in time“ alles Wissen (strukturierten Content), was man braucht, um sich als selbstlernender Autodidakt auf das neue digitale Zeitalter optimal vorzubereiten.

Ökologie

Dass essentielle Ressourcen unseres Planeten, welche das Überleben der Menschheit gewährleisten, nur einmal verbraucht werden können, ist seit den 1970er Jahren weitläufig propagiert worden. Seit der Jahrtausendwende ist nahezu jeder zivilisierte Mensch darüber informiert worden. Daraus resultierte ein neues Bewusstsein über die Zusammenhänge in der Natur und in Teilen auch die Bereitschaft, dafür Verantwortung zu übernehmen. 

Die Begriffe Klimawandel, Energiewende waren bis vor kurzem ein Dauerbrenner und leiteten einen weltweiten Wertewandel ein.

Als Überbegriff für Lösungen wurden Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien genannt. Ganze Wirtschaftszweige sind entstanden, die den althergebrachten den Garaus machten. 

Aber gerade hier zeigt sich eine enorme Kluft zwischen den Werten „besitzstandswahrender Tradition“ und ethischer „Innovation“.

Flüchtlinge und Immigranten

Durch die aktuellen Wellen von sog. Zuwanderung innerhalb Europas wurden andere Themen des Wertewandels verdrängt. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass es bei diesem Themenkomplex um Aspekte von Unsicherheit und Angst handelt.

Neben einem zukünftig bevorstehenden (noch unbewussten) Wertewandel handelt es sich als zunächst um reine „Veränderung“, die an sich noch kein Wertewandel darstellt. Grundsätzlich hat der Mensch Respekt oder meist Angst, vor Veränderungen, da dies immer mit dem Verlust von Stabilitätsfaktoren einhergeht.

Sachkundige Publizisten differenzieren die Art von Flüchtlingen in Vertriebene, Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge und Klimaflüchtlinge.

Das Integrieren dieser Menschen ist eine besondere Herausforderung, da in den meisten Fällen unterschiedliche Kulturen aufeinander treffen und somit andersartige Wertesysteme kollidieren. Dies ist zumindest der vordergründige Konflikt, welcher in den Medien gerne inszeniert wird. So kursieren auf dramatisierter Art Begriffe, wie beispielsweise „Leitkultur“, welche der Konfrontation eine feindselige Anmut geben, die wohl durch die Angst getrieben wird, seine eigenen Werte für sich und sein kulturelles Umfeld zu verlieren.

An dieser Stelle sollte bedacht werden, dass weltweit fast alle Menschen die gleichen Grundmotive (Unversehrtheit, Anerkennung, Beziehungen, etc.) haben. Hier wäre also eine gute Basis für Verständigung gegeben, was allerdings voraussetzt, dass wir aus der allgemein verbreiteten oberflächlichen Denkweise (Bewertungen durch Vorurteile) heraustreten sollten.

Bildung

Neben „sozialer Gerechtigkeit“ ist der Begriff Bildung ein Klassiker in jeder politischen Diskussion – seit Jahrzehnten. Zahlreiche Bildungsreformen wurden angekündigt und einige davon umgesetzt. Doch der systemische Kern wurde nie verändert. Noch heute existiert der preußische Gedanke, fleißige Untertanen zu züchten. Dennoch treibt es immer mehr Eltern um, für ihre Kinder eine optimale Vorbereitung auf das tatsächliche Leben zu fordern.

Offensichtlich ist nicht bekannt, was der Begriff Bildung bedeutet, weswegen am Thema und dem ursprünglich gewollten Kontext vorbei reformiert wird. 

Der Theologe und Philosoph Meister Eckhart (1260 bis 1328) führte den Begriff Bildung erstmals in die Deutsche Sprache ein. Er beschrieb es als das „Erlernen von Gelassenheit“ – mit dem Ziel, der Mensch soll Gott ähnlich werden. Dabei wird Bildung von außen an den Menschen herangetragen. Seine Aufgabe besteht demnach darin, sich der von Gott gegebenen Bildung hinzugeben. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts blieb diese Denkweise weitgehend bestehen. 

Im Zuge aller Reformationen, der Aufklärung und anderen Transformationen von Wertesystemen wurde diese Definition nie angepasst. Der Begriff „Gott“ wurde offensichtlich durch die jeweils neue Obrigkeit ausgetauscht.

Aktuell findet ein Wertewandel statt, der diese Form der Unterwerfungen in eine dem Zeitgeist entsprechende Freigeistigkeit transformiert. Dieser Prozess wird nicht konkret beschrieben, sondern drückt sich durch aufständischen und politisch ambitionierten Unmut über das sogenannte Establishment aus.

„Disruption“

Der Begriff Disruption (englisch = Störung, Belästigung, Unterbrechung, Erschütterung) wird sehr häufig im Coaching und Change-Management verwendet und bedeutet in diesem Kontext so viel wie „bestehende, festgefahrene Muster zerstören“. Eine Methode aus dem Brainstorming, welches gezielt auf Konfrontationskurs zu traditionellen Systemen, Denkweisen, Gewohnheiten und Wertvorstellungen geht.

Disruption erzwingt zunächst einen fiktiven Wertewandel in den vorgefundenen Denkstrukturen, um durch eine gezielte Störung derselben, Raum für neue Aspekte, Ideen, Lösungen, Varianten und Wertvorstellungen zu schaffen.

Einer der bekanntesten Protagonisten von Disruption aus der Neuzeit ist Steve Jobs.


Zitate

„Du veränderst Dinge nicht, indem Du die bestehende Realität bekämpfst. Um etwas zu verändern, musst Du ein neues Modell erschaffen, welches das bestehende Modell überflüssig macht.“

R. Buckminster Fuller 


Literatur

Fachartikel "Wertewandel" auf Docupedia

Von Isabel Heinemann, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), 22.10.2012

"Wie haben sich Normen und Werte in modernen Industriegesellschaften verändert? Isabel Heinemann beschäftigt sich in ihrem Beitrag über den Begriff des „Wertewandels“ mit der Frage, welche Möglichkeiten für eine kritische Historisierung des ursprünglich sozialwissenschaftlichen Konzepts bestehen. Sie plädiert dafür, den Begriff aus seiner vorherrschenden Fixierung auf die 1960er- und 1970er-Jahre als vermeintlicher Kernphase des Wertewandels zu lösen, um durch den Vergleich von Phasen intensiven Wandels mit Perioden von größerer sozialer und normativer Kontinuität die Bedeutung und Reichweite von Wertewandelprozessen besser erschließen zu können."

Zum ganzen Artikel: http://docupedia.de/zg/Wertewandel


[1] Quelle: DWDS-Wortverlaufskurve für „Wandel“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/r/plot?view=2&norm=abs&smooth=line&genres=0&grand=1&slice=1&prune=0&window=0&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A2016&q1=Wandel>, abgerufen am 07.07.2017.

[2] Emulsion: Systemisches Gemisch von zwei flüssigen Stoffen, die chemisch nicht mischbar sind, aber dennoch (mithilfe von sog. Emulgatoren) gemeinsam eine besondere Funktion haben.

[3] Quelle: „Haben oder Sein: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“ – Seite 20; Taschenbuch – 1. Juli 2005, von Rainer Funk (Herausgeber),‎ Erich Fromm (Autor),‎ Brigitte Stein (Übersetzer)

[4] Proletarier: Angehöriger der Unterschicht; aus lateinisch „prōlētārius“ = „vermögenslos und nur fähig im Produzieren von Nachkommen“; abgeleitet aus lateinisch „ proles“ = „Nachkomme, Sprössling, Kind“

[5] Konfuzius (551 bis 479 v. Chr.): latinisierter Name aus „Kǒng Fūzǐ“ = „Lehrmeister Kong“

[6] ARPANET: (Advanced Research Projects Agency Network); ein dezentrales Computer-Netzwerk mit neuartiger Netztopologie, das im Auftrag der US-Luftwaffe und des US-Verteidigungsministeriums entwickelt wurde; Vorläufer des heutigen Internets.

[7] WWW (auch w3): „World Wide Web“; der bis heute expansivste Teil des Internets; wurde 1989 von Tim Berners-Lee und Robert Cailliau am europäischen Forschungszentrum CERN in Genf entwickelt.


Letzte Bearbeitung am 28.02.2018

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