Rassismus / Rasse

Hinweis: Dies ist ein Artikel aus dem Buch "Lasst uns über Werte reden! Wie Wandel gelingen kann".


Kürzlich las ich in einem interessanten Artikel:

„Wie rassistisch sind Sie? Die meisten weißen Menschen sind überzeugt, sie seien nicht rassistisch. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass dies eine große Selbsttäuschung ist. Die gute Nachricht: Offenheit lässt sich trainieren.“

DIE ZEIT Nr. 30/2020 – Ausgabe am 15. Juli 2020

Bei sorgfältiger Beobachtung können wir feststellen, dass die meisten Menschen unbewusst Rassisten sind. Dabei spielt es fast keine Rolle, welche Werte zu bevorzugen.

Um das zu verstehen, ist es notwendig, die substanzielle Bedeutung des Begriffs „Rasse“ zu kennen und dann richtig sowie zeitgemäß einzuordnen. Die umstrittene aber sehr wahrscheinliche Herkunft* des Begriffs zeigt auf, dass es sich ursprünglich nicht um biologische oder genetische Aspekte handelte. Diese Ideen kam erst viel später auf.

Herkunft des Wortes „Rasse“ (Auszug): ursprünglich abgeleitet aus dem zunächst in Italien verwendeten „rassa“ (lateinisch) = „Abmachung unter den Angehörigen eines Berufes, einer Familie“ (13. Jh.), entlehnt aus lateinisch „ratio“ = „Rechnung, Berechnung, Rechenschaft, Denken, Denkvermögen, Vernunft, Grund, Maß, Gesetzmäßigkeit, Ordnung, Methode, Prinzip“.


Es ist verständlich, dass vor allem Pazifisten das Wort Rasse nicht mögen und gerne aus dem Sprachgebrauch verbannen würden. Aus Erfahrung wissen wir, dass bestimmte Begriffe tief in unserem kollektiven Unterbewusstsein verankert sind. Viel besser ist es daher, diesem Begriff eine konstruktive Bedeutung zu verpassen, die 1. dem Zeitgeist gerecht wird und 2. bestmöglich der ursprünglich korrekten Definition entspricht.

Auch möchte ich anmerken, dass man beim Vermeiden eines historischen Begriffs die Traditionalisten stark macht. So ist es besser, eine logische Alternative anzubieten, die eine charakterliche Transformation einleitet. Dazu aber später mehr.

Die Vorstellung, dass es so etwas wie menschliche Rassen gibt, ist uralt und entstand wohl erstmals, als genetisch und soziologisch geschlossene Menschengruppen auf sichtbar andersartige Menschen trafen und dies als Bedrohung bewerteten.

Der Begriff Rasse selbst wurde ab dem 15. Jahrhundert gebräuchlich und vorwiegend für Adelsfamilien und die Pferdezucht verwendet. Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff verwendet, um den Adel und das Volk zu unterscheiden.

Im 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Rassentheorien entwickelt, welche die Menschheit in verschiedene biologische Rassen einteilten. Maßgeblich wurden Rassen aufgrund äußerlicher Merkmale wie Hautfarbe, Behaarung, Schädel- und Gesichtsform unterschieden und typologisch eingeteilt. Später ordnete man diesen Typen noch bestimmte charakterliche Merkmale zu.

Diese Theorien wurden besonders im frühen 20. Jahrhundert konkretisiert und sehr einflussreich. Es keimte die Idee, dass es eine herrschende Rasse geben sollte, welche durch Reinhaltung geschützt werden muss. Diese Idee wurde dann einer ganzen Generation von weißen Menschen lehrbuchmäßig eingepflanzt und hatte – wie wir heute wissen – verheerende Auswirkungen.

In einer „Stellungnahme zur Rassenfrage“ urteilten 1995 achtzehn international renommierte Humanbiologen und Genetiker im Anschluss an die UNESCO-Konferenz „Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung“, dass der Begriff der Rasse in seiner Anwendung auf die menschliche Vielfalt „völlig obsolet geworden“ sei, und riefen dazu auf, ihn „durch Anschauungen und Schlussfolgerungen auf der Grundlage des heutigen Verständnisses genetischer Vielfalt“ zu ersetzen.

https://www.friedensburg.at/uploads/files/Deklaration_1995.pdf

In diese Deklaration heißt es auch: „Rassismus existiert nicht an sich. Vielmehr handelt es sich hierbei um komplexe Einstellungen und Verhaltensweisen, die auf einer Vielzahl miteinander im Zusammenhang stehender politischer, sozialer, ökonomischer, kultureller und anderer – auch instrumentalisierter – Faktoren beruhen und vielfach als länder- und gruppenspezifische Phänomene hervortreten.“

Obwohl es logisch sein sollte, dass eine biologische und soziokulturelle Durchmischung der Menschheit langfristig sehr viele Vorteile bietet, kursieren diese dummen und falschen Ideen auch heute noch in sehr vielen Köpfen. Dies ist sicher der o. a. systematischen Gehirnwäsche und anschließenden „memetischen“ Überlieferungen zu verdanken. Aber auch der ureigenen Angst vor dem (scheinbar) „Fremdartigen“ (siehe auch „Fremdenfeindlichkeit“).

Wir wissen heute, dass Rassen keine Rollen spielen, wenn es darum geht, friedlich miteinander zu koexistieren. 

Im Film „Die Glücksritter“** wird durch ein Experiment zweier reichen „alte weiße Männer“ eindrücklich dargestellt, dass Erfolg und Redlichkeit nicht durch genetische Voraussetzungen, Rasse etc. vorbestimmt sind, sondern durch Bildung, soziales Umfeld und Chancengleichheit. Das Experiment ist mit einer Wette verbunden. Einer der Herren ist der Auffassung, dass es alleine die Gene sind, die dazu führen, dass ein Mensch klug, erfolgreich und redlich sein kann; der andere behauptet, dass es auf das soziale Umfeld ankommt, wie sich ein Mensch entwickelt. So veranlassten sie heimtückisch einen Rollentausch der beiden Protagonisten. Nach einiger Zeit wird deutlich, dass sich ein „schwarzer“, asozialer Bettler recht schnell sozialisieren kann, und im Umkehrschluss ein „weißer“, adliger und talentierter Erfolgsmensch in einen asozialen Verlierer verwandeln kann. 

Zu guter Letzt verbünden sich die beiden Versuchskaninchen gegen die beiden hochmütigen alten Männer und sorgen auf ähnliche Weise für deren existenziellen Absturz.

** Die Glücksritter (1983): US-amerikanischer Spielfilm mit Dan Aykroyd und Eddie Murphy in den Hauptrollen. Der Original-Filmtitel „Trading Places“ ist ein Wortspiel: Er bedeutet einerseits „Handelsplätze“ (die Warenterminbörse spielt im Film eine große Rolle), andererseits „die Plätze tauschen“, was mit den beiden Helden des Films geschieht. Der Film basiert auf den Motiven des Romans „Der Prinz und der Bettelknabe“ sowie auf der Kurzgeschichte „The Million Pound Bank Note“ von Mark Twain.


Aus solchen Geschichten, die wir auch im realen Leben finden können, sollten wir lernen, dass Rasse nichts mit physischer Biologie oder Äußerlichkeiten zu tun haben kann. Vielmehr sind es soziokulturelle und deswegen immer auch wertesystemische Aspekte, die entscheiden, wie wertvoll ein Mensch oder eine Gruppe für die Gemeinschaft sein kann.

Der Begriff der Rasse könnte heute z. B. auch für die jeweils gesprochenen Sprachen gelten, da Sprache einen wesentlichen Teil der soziokulturellen und wertesystemischen Zugehörigkeit bestimmt.

In der Intuistik machen wir es uns einfach und unterscheiden die gesamte Menschheit in nur zwei Rassen: die Nonkonformisten und die Konformisten. Wer sich länger mit dieser Sichtweise beschäftigt, wird feststellen, dass dies ein wunderbarer Kunstgriff ist, um auch im wertesystemischen Sinne, besser zu verstehen, warum es wichtig ist, diese beiden „Lager“ zu identifizieren und richtig zu positionieren.

Gerne konfrontiere ich Menschen mit rassistischer bzw. rechter  Gesinnung mit dieser These, die ich selbstverständlich rhetorisch präsent untermauern kann. Das Ergebnis ist stets verblüffend: Da ich diesen scheinbaren Antagonisten einen neuen, interessanten, geheimnisvollen und leicht zu verankernden Gedanken (Mem) einpflanze, transformieren sich dessen Gedanken und Beobachtungen allmählich in genau diese Richtung.


Zitate

„Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“

Aus der "Jenaer Erklärung" vom 10. September 2019
Quelle: https://www.uni-jena.de/190910_JE

„Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. In Wirklichkeit gibt es aber nur zwei Menschenrassen, nämlich die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen. Und die Rassentrennung verläuft quer durch alle Nationen und innerhalb jeder einzelnen Nation quer durch alle Parteien.“ 

Viktor Frankl (1905–1997); aus einer Rede am 10. März 1988 auf dem Wiener Rathausplatz


Hinweis: Siehe im Buch auch den Artikel „Fremdenfeindlichkeit“ im Kapitel „Wo Werte missbraucht werden“ .


Erstellt  am 15.09.2020; letzte Bearbeitung am 16.09.2020

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