Das "Reich der ethischen Werte"

Der in Riga geborene deutsche Philosoph Nicolai Hartmann (1882 bis 1950) legte im Jahre 1925 das Fundament für das später als „Wertequadrat“ (siehe auch gleichnamigen Artikel in diesem Kapitel) bezeichnete Modell, welches einzelne Werte in logische, vernünftige Verhältnisse setzte. 

Er wurde maßgeblich von Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) inspiriert und verweist auf dessen „Nikomachische Ethik“ (322 v. Chr.), in der Aristoteles von der „vernünftigen Mitte (mesotes)“ zwischen Übermaß und Mangel schreibt („Die Mesotes-Lehre“).

Hartmann benannte sein Modell das „Reich der ethischen Werte“, in dem er folgende Werteordnung aufstellte:

  • Erkenntniswerte (Wahrheit)
  • Ästhetische Werte (alles Schöne)
  • Sittliche Werte (alles Gute)
  • Vitalwerte (alles Lebendige)
  • Lustwerte (alles Angenehme)
  • Güterwerte (alles Nützliche)

Je nach Situation kann auch in der heutigen Zeit, diese von Nicolai Hartmann benannten „Werteklassen“ (eine spezielle Form von „Werte-Kategorien") genutzt werden, da diese Kategorisierung durchaus sinnvoll und immer noch relativ zeitgemäß ist.

1953 schrieb Hartmann in seinem Buch „Ästhetik“* auf Seite 330:

„Das Erste, was nottut, ist ein Blick auf das Reich der Werte überhaupt, soweit es sich bis zur Stunde dem philosophischen Blick geöffnet hat. Die Wertklassen, mit denen wir zu rechnen pflegen, sind ohne systemisches Prinzip, rein empirisch aufgegriffen. Sie bilden deswegen auch keine einheitliche Reihe - etwa eine klare Stufenleiter - , sondern schwanken zwischen Neben- und Überordungen, obgleich es ihrer nur ganz wenige gibt. Auch ihre Abgrenzung gegeneinander sind nicht einwandfrei klargestellt. Fängt man von unten an, so kann man folgende Klassen unterscheiden:

I. Güterwerte, umfassend alle Nutz- und Mittelwerte, aber auch viele ganz selbständige Wertgebiete (solche mit echtem Eigenwert); u.a. auch die weite Klassen der Sachverhaltswerte.

II. Lustwerte, im Leben meist als das „Angenehme“ bezeichnet.

III. Vitalwerte - , das sind solche, die dem Lebendigen anhaften und sich an ihm je nach der Höhe, Entfaltung und Kraft des Lebens abstufen. Mittelbar hat alles Vitalwert, was dem Leben förderlich ist; Vitalunwert, was ihm verderblich ist.

IV. Sittliche Werte: zusammengefasst unter dem „Guten“.

V. Ästhetische Werte: zusammengefasst unter dem „Schönen“.

VI. Erkenntniswerte - eigentlich nur ein Wert: „Die Wahrheit“.“

* Quelle: „Ästhetik“; Nicolai Hartmann (Autor), Verlag Walter de Gruyter, 1953; 476 Seiten.

In seinem Buch „Ethik“* beschreibt er auf Seite 251 im 2. Hauptkapitel „Das Reich der ethischen Werte (Axiologie der Sitten) – I. Abschitt: Allgemeine Gesichtspunkte zur Werttafel. – 26. Kapitel: Von der Stellung sittlicher Werte im Reich der Werte überhaupt“:

„Wie sich sittliche Werte von anderen Werten unterscheiden, ist zum Teil schon erörtert worden(doppelseitige Relativität auf die Person, cf. Kap. 15d, e), zum Teil wir es sich erst in der Spezialanalyse einzelner Werte zeigen können. Soviel ist indessen leicht zu sehen, daß nicht alle Werte, die ethisch relevant sind – sei es nun im Sinne des Tunsollens oder der Teilhabe –, deswegen schon sittliche Werte sind. Das Ethos des Menschen ist auf eine Menge von Werten bezogen, die nicht sittliche Werte sind. Moralisches Verhalten ist zwar immer ein Verhalten gegen eine Person, aber doch zugleich immer ein Verhalten in bezug auf Wertvolles und Wertwidriges aller Art. Von diesem Gesichtspunkt hatte es schon einen guten Sinn, wie die Antike tat, die Güterlehre in die Ethik einzubeziehen. 

In gewissem Sinne darf man sagen, daß alles Seiende irgendwie praktisch unter Wertgesichtspunkte fällt, daß alles in der Welt, auch scheinbar Fernste und Indifferenteste sich unter der Perspektive der Ethik in Wertvolles und Wertwidriges scheidet. Dieselbe Welt, die in ihrer Ganzheit den ontologischen Phänomenen zugrunde liegt, gehört in ebenderselben Ganzheit auch zum ethischen Phänomen. Sie ist nicht weniger eine Welt von Gütern und Übeln als von Dingen und Dingverhältnissen. Gegeben wenigstens ist sie ebenso primär als jenes wie als dieses.“

* Quelle: „Ethik“; Nicolai Hartmann (Autor), Verlag Walter de Gruyter, entnommen aus Ausgabe 1962, 821 Seiten; Erstausgabe 1925, 746 Seiten.

Dieses umfangreiche, aber zunächst rein theoretische Wertemodell wurde später von seinem Schüler und Studenten Paul Helwig (1893 - 1963) übernommen und konkretisiert. So entstand das folgende beispielhafte Modell:

Wertequadrat mit "Sparsamkeit" und "Großzügigkeit" in Zuordnung mit "Geiz" und "Verschwendung"
Ursprüngliches Wertequadrat von Paul Helwig

Neben Paul Helwig haben auch andere Psychologen und Kommunikationsexperten die Ideen zum Wertequadrat von Nicolai Hartmann aufgegriffen, weiterentwickelt und unter eigenem Namen publiziert.


Letzte Bearbeitung am 10.11.2018

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