Reine Fiktion? - Werte

WDR 5 - Das philosophische Radio am 2.9.2016 (51:55 Minuten)

Unsere" Werte spielen eine wichtige Rolle in fast allen öffentlichen Debatten. Dabei ist fraglich, ob es "die" Werte überhaupt gibt. Was hat es auf sich mit den Werten?

Studiogast: Andreas Urs Sommer (AUS), Philosoph

Moderation: Jürgen Wiebicke (JW).

Hier eine Mitschrift des Audiobeitrages:

JW: Freunde der Weisheit – guten Abend.

Das ist keine Börsensendung hier und trotzdem sprechen wir über WERTE. Denn da herrscht – glaube ich, gerade eine ziemlich große Nachfrage. Viele rufen: „Wir brauchen verbindliche Werte, sonst fliegt diese Gesellschaft auseinander.“ Sie nennen dann nicht den Einen, alles entscheidenden Wert, nein, die Werte gibt es anscheinend immer nur in der Mehrzahl. Wobei es so ist, wie an der Börse, die Kurse schwanken. Werte, die längere Zeit nicht so nachgefragt waren, schießen an der Moralbörse plötzlich nach ganz oben. Im Moment wollen zum Beispiel viele den Wert Sicherheit und sind im Gegenzug bereit, Freiheitsaktien abzustoßen. Ein ganz hoher Wert ist in diesen Tagen auch: „das Gesicht zeigen“. War das jetzt zynisch – Moral mit Aktienkursen zu vergleichen?

Mein heutiger Gast meint: „nein, Werte sind Verhandlungssache auf einem Markt. Wie sehen Sie das? Auf welche Werte kommt es an und wie kann sich eine Gesellschaft auf gemeinsame Werte einigen? Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?

Der besagte Gast ist Andreas Urs Sommer von der Uni Freiburg, ein Nitzsche Spezialist (Anmerkung: Friedrich Nitzsche; 1844-1900) – ich glaube wir werden an Nitzsche heute Abend irgendwie nicht vorbeikommen – und sein neues Buch heißt: „Werte – warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“. Guten Abend Herr Sommer.

Minute 01:58

AUS: Herr Wiebicke, einen schönen guten Abend wünsche ich Ihnen. 

JW: Dann spinnen Sie doch mal bitte diesen Gedanken weiter, die Werte aus der Sphäre der Moral mit Geld zu vergleichen.

AUS: Es ist tatsächlich so, dass wir glauben, die Werte seinen etwas, was es immer schon gegeben hat. Und wenn man es dann aber in der Begriffsgeschichte der Werte ein wenig umsehen, dann stellen wir fast, dass diese Selbstverständlichkeit tatsächlich keine Selbstverständlichkeit ist, sondern, dass diese Werte erst als Werte im 19. Jahrhundert sich emanzipiert haben. Das heißt zu etwas selbstständigem geworden sind. Sie haben sich emanzipiert von den Dingen, denen man Wert zuschreibt. Und das kennen wir immer noch, das kannte man auch in alten Gesellschaften, selbstverständlich ein Haus hat ein Wert, ein Bügeleisen hat ein Wert, ein Kind hat einen Wert - je nach dem in welchen Kontexten man den entsprechenden Gegenstand oder auch die entsprechenden Person braucht. Es ist also so, dass die Werte keineswegs abgelöst waren von Gegenständen, sondern Werte sind Gegenständen, Objekten, sei es ideellen, sei es materiellen zugeschrieben worden.

JW: Und was ist dann passiert?

Minute 03:09

AUS: Dann ist im 19. Jahrhundert eine lange Entwicklung zu Ende gegangen, die man als die Erosion der klassischen Vorstellung von Gut und Böse beschreiben kann, wo die Dinge eine Struktur der Moral, in denen die Hierarchien vollkommen festgeschrieben waren, In denen Gut und Böse eben Sicherheiten boten - z.B. religiöse Sicherheit - z.B. mathaphysische Sicherheiten - und im Laufe der Pluralisierung in der neuzeitlichen Geschichte der Kultur hat sich diese Hierarchie, diese feste Hierarchie aufgelöst.

JW: Also die Werte, das müssen wir festhalten: Werte gibt es erst - so sagen Sie - seit dem sich das nicht mehr von selber versteht, was Gut und Böse ist.

AUS: In der Tat; wobei es sich nie von selber verstanden hat. Gesellschaften sind unterschiedlich und haben entsprechend unterschiedliche Vorstellungen von Gut und Böse. Ausgebildet und selbstverständlich findet auch in vormodernen Gesellschaften ein Wandel statt, aber es hat die Überzeugung gegeben, gerade unter den Philosophen, aber auch unter den Theologen, dass das eigentlich feststeht, sei es, weil es die Naturordnung vorschreibt; sei es, weil ein Gott das vorschreibt. Und diese Überzeugungen, dies sind im Laufe der neuzeitlichen Geschichte, sei dem 16., 17. Jahrhundert mehr und mehr erodiert, und im 19. Jahrhundert hat die Philosophie dann überhaupt angefangen, von den Prinzipien, den letzten Prinzipien - oder von den mataphysischen Sicherheiten definitiv Abstand zu nehmen. Natürlich ist auch die Aufklärung im 18. Jahrhundert hier schon eine Vorreiterbewegung, aber das 19. Jahrhundert hat dann sozusagen die Werte als - um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen - die Werte als kurante Münze der Moral in Kraft gesetzt, abgelöst von den Dingen, denen Werte zugeschrieben werden, Werte sind dann etwas, was dem gesellschaftlichen Zusammenleben dient. Aber eben nicht, wie Sie es eingangs, bei Ihrer Anmoderation geschildert haben, nichts, was einen festen Kurs hat, sondern, der Kurs ist dann ständig wieder neu festzulegen. Je nachdem, was eine Gesellschaft, aber auch eine Person braucht.

Wenn Sie heute Abend Nachhause gehen aus dem Studio, ist Ihnen vielleicht der Wert der Sicherheit der liebste. Sie wollen nicht überfallen werden auf dem Nachhauseweg. Und wenn Sie dann wieder Zuhause sind und Ihren Abend ausklingen lassen, ist Ihnen der Wert der Freiheit - nämlich Ihr Leben so zu gestalten, wie Sie vielleicht um 23:00 Uhr gerade Lust haben, der Wert der sich in den Vordergrund rückt.

Minute: 05:40

JW: Also, das war jetzt ein kurzer historischer Ausflug. Aber wo stehen wir gerade? Was beobachten Sie in unserer Gesellschaft? Warum tobt gerade jetzt die Werte-Debatte?

… Fortsetzung folgt

Letzte Bearbeitung am 14.06.2017

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