Reine Fiktion? - Werte

WDR 5 - Das philosophische Radio am 2.9.2016 (51:55 Minuten)

Unsere Werte spielen eine wichtige Rolle in fast allen öffentlichen Debatten. Dabei ist fraglich, ob es "die" Werte überhaupt gibt. Was hat es auf sich mit den Werten?

Studiogast: Andreas Urs Sommer, Philosoph

Moderation: Jürgen Wiebicke


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Komplettes Interview mit Andreas Urs Sommer als Download (mp3)
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Hier eine Mitschrift des gesamten Audiobeitrags:

Wiebicke: Freunde der Weisheit – guten Abend.

Das ist keine Börsensendung hier und trotzdem sprechen wir über WERTE. Denn da herrscht – glaube ich, gerade eine ziemlich große Nachfrage. Viele rufen: „Wir brauchen verbindliche Werte, sonst fliegt diese Gesellschaft auseinander.“ Sie nennen dann nicht den Einen, alles entscheidenden Wert, nein, die Werte gibt es anscheinend immer nur in der Mehrzahl. Wobei es so ist, wie an der Börse, die Kurse schwanken. Werte, die längere Zeit nicht so nachgefragt waren, schießen an der Moralbörse plötzlich nach ganz oben. Im Moment wollen zum Beispiel viele den Wert Sicherheit und sind im Gegenzug bereit, Freiheitsaktien abzustoßen. Ein ganz hoher Wert ist in diesen Tagen auch: „das Gesicht zeigen“. War das jetzt zynisch – Moral mit Aktienkursen zu vergleichen?

Mein heutiger Gast meint: „nein, Werte sind Verhandlungssache auf einem Markt. Wie sehen Sie das? Auf welche Werte kommt es an und wie kann sich eine Gesellschaft auf gemeinsame Werte einigen? Wie kann man sich diesen Prozess vorstellen?

Der besagte Gast ist Andreas Urs Sommer von der Uni Freiburg, ein Nitzsche Spezialist (Anmerkung: Friedrich Nitzsche; 1844 bis1900) – ich glaube wir werden an Nitzsche heute Abend irgendwie nicht vorbeikommen – und sein neues Buch heißt: „Werte – warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“.

Guten Abend Herr Sommer.

Minute 01:58

Sommer: Herr Wiebicke, einen schönen guten Abend wünsche ich Ihnen. 

Wiebicke: Dann spinnen Sie doch mal bitte diesen Gedanken weiter, die Werte aus der Sphäre der Moral mit Geld zu vergleichen.

Sommer: Es ist tatsächlich so, dass wir glauben, die Werte seinen etwas, was es immer schon gegeben hat. Und wenn wir uns dann aber in der Begriffsgeschichte der Werte ein wenig umsehen, dann stellen wir fast, dass diese Selbstverständlichkeit tatsächlich keine Selbstverständlichkeit ist, sondern, dass diese Werte erst als Werte im 19. Jahrhundert sich emanzipiert haben. Das heißt zu etwas selbstständigem geworden sind. Sie haben sich emanzipiert von den Dingen, denen man Wert zuschreibt. Und das kennen wir immer noch, das kannte man auch in alten Gesellschaften, selbstverständlich ein Haus hat ein Wert, ein Bügeleisen hat ein Wert, ein Kind hat einen Wert - je nach dem in welchen Kontexten man den entsprechenden Gegenstand oder auch die entsprechenden Person braucht. Es ist also so, dass die Werte keineswegs abgelöst waren von Gegenständen, sondern Werte sind Gegenständen, Objekten, sei es ideellen, sei es materiellen zugeschrieben worden.

Wiebicke: Und was ist dann passiert?

Minute 03:09

Sommer: Dann ist im 19. Jahrhundert eine lange Entwicklung zu Ende gegangen, die man als die Erosion der klassischen Vorstellung von Gut und Böse beschreiben kann, wo die Dinge eine Struktur der Moral, in denen die Hierarchien vollkommen festgeschrieben waren, In denen Gut und Böse eben Sicherheiten boten - z.B. religiöse Sicherheit - z.B. mathaphysische Sicherheiten - und im Laufe der Pluralisierung in der neuzeitlichen Geschichte der Kultur hat sich diese Hierarchie, diese feste Hierarchie aufgelöst.

Wiebicke: Also die Werte, das müssen wir festhalten: Werte gibt es erst - so sagen Sie - seit dem sich das nicht mehr von selber versteht, was Gut und Böse ist.

Sommer: In der Tat; wobei es sich nie von selber verstanden hat. Gesellschaften sind unterschiedlich und haben entsprechend unterschiedliche Vorstellungen von Gut und Böse. Ausgebildet und selbstverständlich findet auch in vormodernen Gesellschaften ein Wandel statt, aber es hat die Überzeugung gegeben, gerade unter den Philosophen, aber auch unter den Theologen, dass das eigentlich feststeht, sei es, weil es die Naturordnung vorschreibt; sei es, weil ein Gott das vorschreibt. Und diese Überzeugungen, dies sind im Laufe der neuzeitlichen Geschichte, sei dem 16., 17. Jahrhundert mehr und mehr erodiert, und im 19. Jahrhundert hat die Philosophie dann überhaupt angefangen, von den Prinzipien, den letzten Prinzipien - oder von den mataphysischen Sicherheiten definitiv Abstand zu nehmen. Natürlich ist auch die Aufklärung im 18. Jahrhundert hier schon eine Vorreiterbewegung, aber das 19. Jahrhundert hat dann sozusagen die Werte als - um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen - die Werte als kurante Münze der Moral in Kraft gesetzt, abgelöst von den Dingen, denen Werte zugeschrieben werden, Werte sind dann etwas, was dem gesellschaftlichen Zusammenleben dient. Aber eben nicht, wie Sie es eingangs, bei Ihrer Anmoderation geschildert haben, nichts, was einen festen Kurs hat, sondern, der Kurs ist dann ständig wieder neu festzulegen. Je nachdem, was eine Gesellschaft, aber auch eine Person braucht.

Wenn Sie heute Abend Nachhause gehen aus dem Studio, ist Ihnen vielleicht der Wert der Sicherheit der liebste. Sie wollen nicht überfallen werden auf dem Nachhauseweg. Und wenn Sie dann wieder Zuhause sind und Ihren Abend ausklingen lassen, ist Ihnen der Wert der Freiheit - nämlich Ihr Leben so zu gestalten, wie Sie vielleicht um 23:00 Uhr gerade Lust haben, der Wert der sich in den Vordergrund rückt.

Minute: 05:40

Wiebicke: Also, das war jetzt ein kurzer historischer Ausflug. Aber wo stehen wir gerade? Was beobachten Sie in unserer Gesellschaft? Warum tobt gerade jetzt die Werte-Debatte?

Sommer: Die Wertedebatte tobt wohl deswegen, weil wir mit Selbstverständlichkeiten auch ganz große Schwierigkeiten bekommen haben, weil wir nämlich andere Wertoptionen plötzlich vor Augen geführt bekommen. Nicht nur, wegen der ganzen Diskussionen um Flüchtlinge, um Immigranten, die andere Wertsysteme haben und möglicherweise zu uns importieren. Nein, die Gesellschaft, die moderne Gesellschaft nimmt sich in ihrer Pluralität wahr. Und dann hat die Vorstellung, dass man Werte bräuchte, die irgendwie für alle definitiv und binden sind, schon eine ganz große Verlockung. Deswegen reden Politiker ja so gern davon, dass man DIE WERTE wieder re-installieren müsse; dass man an DEN WERTEN wieder zu Nachhall verhelfen müsse – ohne, dass sie dann sehr konkret machen, was das ist. Und wenn sie sich dann die Parteiprogramme anschauen, dann finden sie von ganz Links bis ganz Rechts das Reden über Werte und merkwürdigerweise auch häufig über dieselben Werte, aber womit die gefüllt werden, das ist wiederum ganz unterschiedlich - je nachdem, was sie dann für ein Parteiprogramm in der Hand haben. Also, dieses Reden über Werte, um auf die Frage zurückzukommen, ist Ausdruck einer Verunsicherung, dass eben die Werte nichts sind, was man ebenso festgeschrieben hat – und dann Beschwörungsformeln im Sinne von „es kommt auf die Werte an“ und „die Werte sind das, was die Gesellschaft zusammenhält. Dann sind solche Beschwörungsformeln sehr beliebt und sie scheinen auch entsprechend Anklang zu finden. Also wenn sie werteorientierte Politiker haben oder Politikerinnen, dann können die ganz offensichtlich auch bei Wahlen punkten.

Wiebicke: Also, ist das alles nur Schneegestöber, wenn wir heute über Werte sprechen? Gibt es eigentlich gar keine Werte? 

Minute: 07:35

Sommer: Ich würde sagen, es gibt sehr wohl Werte nur sind sie nicht Dinge, die irgendwie definitiv festgeschrieben sind. Die eine definitive Existenz hätten, so dass wir sagen können, wir haben hier den Wert der Freiheit und dieser Wert der Freiheit ist absolut und müsste zum Beispiel allen anderen Werten vorangestellt werden. Oder nehmen sie einen anderen Wert, den Sie für den Wichtigsten halten. Nein, diese Werte sind sehr wohl etwas, aber sie sind im Fluss, sozusagen in der Dynamik. Sie haben eine wandelbare Existenz oder wenn sie wollen, haben sie eine quecksilberne Existenz. Sie wandeln sozusagen ständig ihre Form und zwar je nach den Bedürfnissen, die eine gesellschaftliche Gruppe hat, die womöglich eine ganze Gesellschaft hat oder die auch ein Individuum hat. Als Teenager haben sie ganz andere Werte, die sie bewegen, als als junger Familienvater oder als jemand der langsam seinen Lebensabend im Seniorenheim plant.

Wiebicke: Ich habe einen interessanten Hinweis in Ihrem Buch gefunden. Da steht nämlich, dass Sie Anfangs gedacht haben, Sie müssten aktiv werden, als ein Werte-Zertrümmerer und dann haben Sie unterwegs beim Nachdenken festgestellt, eigentlich sind Werte doch ganz nützlich. Diesen Weg sollten Sie uns beschreiben.

Sommer: Ja das mache ich gerne. In der Tat ist es so gewesen, dass ich ein Seminar angekündigt habe, an der Uni in Freiburg mal über Werte und Wertphilosophien zu reden und zwar ein Seminar, das sich eigentlich einem ganz großen Zorn über dieses ständige Wertegerede verdankt hat. Mir ist aufgefallen, und da bin ich ja keineswegs alleine, dass eben alle über Werte reden aber niemand eigentlich klar sagt, was er mit diesen Werten meint. Und da schien es mir nötig, quasi als Bergriffs-Zertrümmerer aufzutreten oder als Werte-Zertrümmerer, wenn Sie lieber wollen, um dieses Wertegerede in philosophisch nüchterne Schranken zu weisen.

Wiebicke: Da kommt ein furchtbarer Nihilist am Ende raus.

Sommer: Möglicherweise, natürlich gib es auch Leute die von der Tyrannei der Werte gesprochen haben und sich dagegen verwahrt haben, etwa der einschlägig berüchtigte Staatsrechtler Karl Schmidt hat diesen begriff der Tyrannei der Werte polemisch benutzt, aber nicht weil er Nihilist sein wollte, sondern weil anstelle der Werte grundlegende Prinzipien oder womöglich die Offenbarungs-Wahrheit gestellt wissen wollte. Das würde ich gar nicht postulieren, ich würde auch nicht postulieren, wie ich es eingangs dachte, als ich mich mit dem Thema beschäftigte, wir hätten eine Tyrannei der Werte. Ich meine im Laufe dieser Beschäftigung gelernt zu haben, im Gespräch mit Studierenden gelernt zu haben, das Werte eben sehr wohl etwas Nützliches sind, dass sie nicht nützlich sind, weil sie definitiv wären, weil sie feststehen, sondern weil sie quasi als gesamtgesellschaftliches - als gesamtgesellschaftliches Verständigungsmedium dienen. Wenn wir uns über Werte verständigen müssten, heißt das, dass wir ständig auf uns selber, auf das was wir wollen und auf die anderen reflektieren, dass wir ständig im Abglich unserer Interessen, mit den Interessen der Anderen sind und das in diesem Zusammenhang Werte etwas sind, was ausgesprochen nützlich ist.

Wiebicke: Also das heißt wenn, wenn der Ruf laut wird, wir brauchen Werte, dann ist das ein Barometer dafür, dass es in der Gesellschaft Probleme gibt und dass es etwas zu besprechen gibt.

Sommer: In der Tat, das könnte man so formulieren und wenn man dann danach ruft, sollte man sich eben nicht bloß damit bescheiden zu sagen, wir brauchen Werte und dann eine Aufzählung zu machen und der Andere macht dann vielleicht eine andere Aufzählung in einer anderen Werte-Hierarchie, sonder mal hinzugehen, zu gucken wie ist es denn mit den Werten, die die andere in die Waagschale werfen und können wir da nicht uns auf die ein oder andere Weise einigen. Man sollte sich vor allen Dingen von der Vorstellung verabschieden, dass die Werte etwas sind, was eben an sich und für immer dasteht, sondern die Werte sind ein Reflexionsmedium, sollten es sein und als solches halte ich sie für ausgesprochen nützliche - ich habe mal gesagt regulative Fiktionen - also Dinge die wir uns erdacht haben, die wir uns erschaffen haben, als Menschen für Menschen aber nicht etwas, was es einfach so gibt, sonder das es gibt, weil wir als Gesellschaft und als Individuum bestimmte Bedürfnisse haben und diese Bedürfnisse sich auch verändern und entsprechen verändern sich die Werte. 

Wiebicke: Stephan Sur meldet sich aus Bielefeld unter der 0800 5678555, guten Abend Herr Sur.

Sur: Guten Abend.

Sommer: Herr Sur, guten Abend

Sur: Ich finde, diese Wertdiskussion ist vielleicht einfacher als es jetzt dargestellt wird. Die Werte des urchristlich, jüdisch, griechisch beeinflusste Abendlandes stehen ja bereits in der, in den Werten der Französischen Revolution, Liberté, Égalité, Fraternité, was man vielleicht heute als Solidarität übersetzen würde, also Ablehnung von Dispotentum, Gleichheit vor dem Gesetz, egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Rasse oder was auch immer. Keine Klassenvorrechte und Nächstenliebe. Das sind meiner Ansicht nach Werte, die eigentlich gar nicht weiter diskutierbar sind.

Wiebicke: Also die würden sie nicht verhandeln wollen?

Minute 13.22

Sur: Ne, ich, gut man könnte sagen, dass wir, da gibt es ja auch ne Diskussion, Naturrecht, ja- aber ich wüsste nicht, was daran nicht stimmt, was daran zu bezweifeln wäre, was daran falsch wäre.

Wiebicke: Ja, nun haben Sie die Französische Revolution genannt. Herr Sommer hat ja auch vorhin in seinem kurzen historischen Abriss gezeigt, dass zu unterschiedlichen Epochen unterschiedlich gedacht worden ist. Aber das was sie jetzt ins Feld führen, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Solidarität, wie Sie es vorgeschlagen haben, dass soll dann auch noch in 1000 Jahren gelten?

Sur: Ja, unbedingt. Ich wüsste nicht, was sonst gelten sollte. Wenn wir einen besseren Vorschlag hätten…

Wiebicke: Mhm - Auf keinen Fall! Aber Herr Sommer vielleicht.

Sommer: Vielen Dank Herr Sur. Zunächst einmal der historische Aspekt. Sie sind ein vehementer Verteidiger der Werte der Aufklärung, mit der Französischen Revolution, und das finde ich ausgesprochen sympathisch. Sie treffen da auch ganz genau meine eigenen Werte-Sympathien. Ich habe historisch große Schwierigkeiten damit, das mit dem Christentum und auch mit der griechischen Antike in Verbindung zu bringen. Ich würde im Gegenteil als historische These aufstellen, dass sowohl das Christentum, das in der Antike zumindest und bis weit ins Mittelalter hinein die Gleichheit zwar vor Gott postuliert hat aber nie die Gleichheit der Menschen untereinander. Das dieses Christentum ebenso wie die griechische Antike mit der Vorstellung der Gleichheit, wie sie die Revolution dann postuliert hat oder das 18. Jahrhundert postuliert hat, größte Schwierigkeiten gehabt hätte. Aber abgesehen von dieser historischen Frage, haben wir natürlich begriffliche Probleme. Also die Gleichheit und die Freiheit kriegen wir nicht unter einen Hut so ganz leicht. Sie wissen, dass die kommunistischen Gesellschaften im 20. Jahrhundert die Gleichheit zur allerersten dieser drei Werte gemacht haben…

Wiebicke: Also es entsteht ein Konkurrenzverhältnis?

Sommer: Es entsteht ein Konkurrenzverhältnis, auf Kosten der Freiheit, Brüderlichkeit ist auch deswegen schwierig, weil wir natürlich fragen können, ja wie weit soll die Brüderlichkeit gehen, wenn ich meine eigene Freiheit verwirklichen will. Sie haben vorgeschlagen, dass finde ich auch als begrifflichen Vorschlag gut, dann eher von Solidarität zu sprechen. Auch da die Frage, wie können wir die Freiheit mit der Solidarität zum Ausgleich bringen. Also ich finde diese drei Begriffe der Französischen Revolution ausgesprochen spannend um gerade über Werte ins Gespräch zu kommen. Ich wäre der Letzte, der sagen würde, wir müssten das aufgeben. Aber es zeigt gerade diese drei Begriffe, die wir als Werte-Kandidaten so prominent haben in der Gegenwart, dass die einen erheblichen Austarierungs- und Diskussionsbedarf mit sich bringen. Und da muss man fragen, wie weit soll die Freiheit gehen, damit die Gleichheit nicht touchiert wird, wie weit soll die Brüderlichkeit oder die Solidarität gehen, damit wir mit der Freiheit noch zugange kommen und wie verträgt sich das alles mit der Gerechtigkeit.

Wiebicke: Also schon sind wir mitten im Dickicht Herr Sur. Und jetzt wäre Ihre Aufgabe, möglicherweise, aus drei mach einen.

Sur: Ehm jaaa… Also ich sage Ihnen wenn Sie sich auf das Christentum, was ich ja auch erwähnt habe, beziehen, ehm die Bergpredigt, die Bergpredigt ist würde ich sagen eine frühe Fassung des kommunistischen Manifestes. Was ist da noch mehr zu sagen, als was der Revolutionär Jeshua Ben Joseph gesagt hat. Das ist eigentlich nichts anderes, als was dann später die Aufklärung aufgegriffen hat und vielleicht etwas anders genannt hat. 

Wiebicke: Damit wir nicht zu viel Zeit verlieren bei der frage, was sind nun wirklich die historischen Wurzeln und woraufhin ist es zugelaufen, möchte ich nochmal sie beide gegeneinander in Stellung bringen. Herr Sur hat gesagt, dass es bestimmte Dinge gibt, die nicht verhandelbar sind. Gibt es die in Ihren Augen auch Herr Sommer? Gibt es bestimmte Dinge, wo bei Ihnen der Spaß aufhört?

Sommer: Der Spaß hört denke ich tatsächlich gerade auch, und da bin ich mit Herrn Sur völlig einig, bei diesen Dingen die wir als unsere Unhintergehbarkeiten gesetzt haben, auf. Und das sind durchaus diese drei Losungen der Französischen Revolution. Es ist aber nicht auszuschließen, dass andere Gesellschaften, wir haben vom Herrn Wiebicke ja eine Zeitperspektive von 1000 Jahren vorhin bekommen, dass sich das durchaus ändert. Also für mich persönlich und für die Gesellschaft die ich mir wünsche, würde ich auch sagen, bestimmte Dinge sind unhintergehbar aber ich würde mich dagegen verwahren.

Wiebicke: Na nennen sie mal ein Beispiel.

Sommer: Ja eben, zum Beispiel, das Interesse der Freiheit. Das Freiheitsinteresse halte ich für ein Individuum zu Beginn des 21. Jahrhunderts für ein fundamentales Interesse. Aber da muss man dann auch fragen, ja, wie fängt denn das an und wo hört das denn auf. Und offensichtlich ist es nicht so, dass diese Freiheit etwas Unbedingtes und Unbeschränktes ist. In Klammern: Ich habe gerade Zweifel, dass Jesus in der Bergpredigt an dieser Freiheit ein besonderes Interesse hat. Aber das nur als Klammerbemerkung, da wir ja nicht historisch hier in die Abgründe steigen wollen. Also diese Frage, der Ausgestaltung und der Profilierung von Werten, diese Frage ist immer wieder erneut zu stellen. Für mich selber und für die Gesellschaft, die ich mir wünsche, würde ich auch sagen, wir sind mit diesem Begriffs-Dreierpaar der Französischen Revolution sehr gut bedient.

Wiebicke: Also sie können sich auch nicht vorstellen, was in 1000 Jahren an die Stelle treten könnte.

Minute 19.00

Sommer: Ja man kann nicht sagen, die Philosophie hat immer wieder zu fragen was denn denkmöglich ist und sie macht das bekanntlich aus. Die frage ist, wie weit sie da gehen soll. Wie weit man sozusagen das kontrafaktische Denken treiben sollte, auch in Wertefragen und manche Philosophen haben es versucht, zum Beispiel versucht in radikaler Ungleichheit zu denken, weil sie davon ausgegangen sind, dass Menschen per se ungleiche Wesen sind. Frage ist, ob da moralische Grenzen gezogen werden sollen, gewissermaßen vom Moralkonsens aus den eine Gesellschaft hier und jetzt etabliert hat.

Wiebicke: Mhm - Danke Herr Sur für Ihren Beitrag. Und ich rufe Christian Altenhein, der sich auch gemeldet hat, unter 0800 5678555. Guten Abend Herr Altenhein.

Altenhein: Guten Abend Herr Wiebicke und Guten Abend Zuhörer. Ich melde mich zum Thema, weil das sehr spannend ist, was mich auch beschäftigt. Vor allen Dingen der Begriff der Moral beschäftigt mich. Da würde ich gerne einen Hinweis geben. Ich selber bin Arzt. Ich bin dabei sehr viel mit Gesprächen beschäftigt mit Menschen in sehr unterschiedlichen Lebenskontexten und ich habe in meinem Leben lernen dürfen, dass Geduld eine ganz ganz wichtige Eigenschaft ist, über moralische Dinge nachzudenken. Und einer meiner ganz frühen Lehrer hat uns in der Schule schon beigebracht, der Begriff Moral sollte eigentlich immer im Plural benutz werden: Moralen. Denn es geht um die Frage, was heißt mos moris. Ich gehe mal in mein Stowasser gucken, da steht nämlich drinnen, zuerst der Wille, Gewohnheit, Sitte, Brauch, Übereinkunft und darum geht es eigentlich wenn wir über Moral nachdenken. Das wir feststellen, unsere Lebensspanne ist eigentlich zu kurz, um zu überblicken, wie gesellschaftliche Übereinkünfte zustande gekommen sind.  

Minute 21.00

Wiebicke: Auch wenn wir heute versucht haben bestimmte Wurzeln in den Blick zu kriegen.

Altenhein: Diese Wurzeln sind ja so kurzfristig. Ja, da weise ich auf Göthe hin, der sagt, wenn wir nicht 3000 Jahre zurückblicken können, haben wir eigentlich noch nicht begriffen was Geschichte ist. Auf die Französische Revolution oder das Juden- oder Christentum zurückzugreifen ist probat. Das entspricht bestimmten menschlichen Bedürfnissen, die sich in dieser Moralität äußert. Aber eben ist ein sehr guter Begriff gefallen. Nämlich das Reflexionsmedium, das Moral ist. Wir sollten drüber nachdenken, welche Werte Werte drücken sich in unseren moralischen Vorstellungen aus und was wollen wir damit. Und manchmal ist es gut, den Atem ruhig zu halten und den Blick einfach zu fokussieren und zu spüren, gibt es eine Tyrannei der Werte? Das gibt es garantiert nicht. Ich würde eher sagen es gibt eine, im wahrsten Sinne des Wortes, Ignoranz der Werte. Wir wissen häufig nicht, warum diese Werte, die wir für gesellschaftlich unabdingbar halten, für uns definiert worden sind oder warum wir die für definierungswürdig halten.

Minute 22:12

Wiebicke: Schwebt Ihnen da ein Beispiel vor?

Altenhein: Ehm…

Wiebicke: Sogenannte Werte bei denen man, wenn man genauer schaut, sich fragen muss, wo sie eigentlich hergekommen sind.

Altenhein: Da würde ich ungern einsteigen -, weil Werte im Fluss sind. Das wesentliche worauf ich hinweisen will, das wir bei allem was uns selber persönlich als fester Wert gilt, der nicht weggenommen werden soll. Ich will den Begriff des Wertes nicht schwächen. Aber ich möchte den Blick dafür schärfen, dass wir uns darüber bewusst werden warum uns persönlich dieser Wert als besonderer Wert gilt. Und das für andere Menschen andere Werte gelten. Und das macht uns besonders offen im Gespräch, offen im Umgang mit anderen Kulturen und anderen Werten, weil wir uns über die eigenen Werte viel selbstbewusster werden und das ist wichtig. 

Wiebicke: Ach jetzt habe ich es glaube ich verstanden wie Sie es meinen. Wenn man sich diese großen Zeiträume vor Augen führt, dann löst sich der eigene Dogmatismus, dass man auf dem beharrt was einem so wichtig erscheint, möglicherweise in Luft auf. 

Altenhein: Nicht in Luft. Aber er macht erkennbar warum uns zum Beispiel dieses eben gebrachte Beispiel der Französischen Revolution so wichtig ist. Das war gesellschaftlich in dem Augenblick etwas, was wichtig ist. Das ist nicht immer wichtig.

Wiebicke: Herr Sommer, ist Ihnen das sympathisch was sie hören?

Sommer: Was Herr Altenheim da sagt, das leuchtet mir wirklich sehr ein. Sowohl seine Mahnung zur Geduld im Umgang mit Moralen, und das ist das andere schon. Nämlich der Plural der Moralen. Das Sie darauf insistieren, finde ich ebenfalls ganz entscheidend. Sie haben jetzt die Reflexion auf das Alter der Werte oder auf die Unergründlichkeit der Entstehung der Werte, als ein Mittel benutzt, zur Werte-Selbstrelativierung, wenn Sie mich das mal so ausdrücken lassen. Anzuleiten, dass wir also uns selber in unsere scheinbare Sicherheit über Werte zu verfügen, die völlig unhintergehbar sind, dass wir uns in dieser Sicherheit zurücknehmen, dass wir diese Sicherheit aufgeben, durch die Reflexion auf die Werte. Was sie sagen glaube ich, ist ganz entscheidend, nämlich das für uns diese Werte, die wir gerade haben und die sich viellicht in ihrem und in meinem Falle unterscheiden mögen, dass wir zwar diese Unhintergehbarkeit für uns behaupten, auch für die Gesellschaft in der wir Leben möchten, behaupten, dass wir aber nicht daraus ableiten, dass es für alle Menschen zu jeder Zeit und immer gelten muss. Sie haben also eine Art der historischen oder sogar historistischen Selbstrelativierung vorgeschlagen im Hinblick auf die Werte und das leuchtet mir sehr ein. 

Wiebicke: Dann sind wir erstmal klar Herr Altenheim oder gibt es noch etwas?

Altenheim: Es speist sich bei mir mehr aus der Erfahrung im Umgang mit Menschen und ich wünsche uns in diesem Zusammenhang ganz viel Humor. Das uns der nicht verloren geht, zuzuhören was andere Menschen für Werte äußern und sich in ihren Menschlichen Bedürfnissen darin einfach zeigen.

Sommer: Finde ich sehr gut. Ich denke, wir sollten bei Philosophie überhaupt mehr Humor haben und wenn sie als Mediziner uns das lehren, bin ich Ihnen sehr dankbar.

Wiebicke: Danke für den Anruf Herr Altenhein.

Altenhein: Sehr gerne geschehen.

Wiebicke: Jan Kalech schreibt an philo@wdr.de: Werte ergeben sich erst aus der Notwendigkeit der Rechtfertigung der eigenen Handlungen gegenüber anderen Menschen, also aus dem in einer Gesellschaft sein. Natürlich kann man auch in der Abgeschiedenheit Werte hochhalten aber wohl eher aus Tradition - wir alle wurden ja irgendwie erzogen und sozialisiert - als aus Notwendigkeit.

Minute 26.00

Sommer: Interessanter Punkt, wenn wir uns überlegen, wann wir über Werte reden. Was Herr Kalech da vorbringt, dass ist eine Beobachtung, die in unserem Kommunikationsverhalten ihren Grund oder ihre Basis hat. Das sie nämlich dann anfangen über Werte zu reden, wenn Handlungen die wir begehen wollen oder begangen haben irgendwie nicht selbstverständlich sich ergeben. Wenn sie erklärungsbedürftig sind, dass wir dann sagen, ja aber ich habe das getan oder ich will das tuen, weil ich dem und dem Wert gehorche, dass ist eine sozusagen soziale Notwendigkeit, die sich ergeben kann. Also ich glaube die Beobachtung ist richtig, vielleicht ist sie nicht vollständig. Also ich glaube nicht, dass Werte in der Kommunikation nur der Rechtfertigung von Handlungen dienen aber das ist ein wesentlicher Aspekt ist, das erscheint mir auf der Hand zu liegen und entsprechend…

Wiebicke: Was ist das mit der Einsamkeit?

Sommer: …Ja genau. Ich denke es gibt natürlich auch diesen Punkt, des gegenüber sich selber Rechtfertigungsbedürfnisse verspüren, also…

Wiebicke: Der Eremit hatte auch Werte.

Sommer: Natürlich und der Rechtfertigungsbegriff des Christentums ist einer der darauf abzielt, nicht sich vor der Gesellschaft zu rechtfertigen, sondern sich vor sich selber beziehungsweise sich vor dem Gott zu rechtfertigen, den man als seinen Schöpfer empfindet. Also das ist sozusagen tief in uns eingepflanzt. Man kann darüber reden ob das eine religiöse Tradition ist, dass wir eben Rechtfertigung auch uns selber gegenüber verspüren. Wenn ich jetzt in die Einsamkeit gehe, ich muss ja nich gleich Eremit werden, aber auch wenn ich im stillen Kämmerlein über das nachdenke, was ich getan habe, dann kann ich ja durchaus genauso wie gegenüber Dritten, denen ich meine Handlungen legitimiere, Werte heranziehen und sagen, ja ich habe das heute getan, also ich habe heute dem Bettler auf dem Domplatz das Geld zugesteckt, weil ich den Wert der Barmherzigkeit hochhalten will, auch wenn ich weiß, dass der das sowieso nur versäuft oder dass er sowieso nur damit irgendetwas anstellt was vielleicht nicht in meinem Sinne ist. Also diese Rechtfertigung sich selber gegenüber, die ist ja auch ein Bedürfnis, dass wir Menschen haben. Entsprechend kann man auch sich das in der Einsamkeit gut vorstellen.

Wiebicke: Ja, wir haben ja vorhin schon über den Wert der Gleichheit gesprochen und das führt mich zu einer Mail, die Norman Kaminski geschrieben hat an philo@wdr.de. Und da geht es auch um die Frage, was sind denn eigentlich die Werte-Vermittler die heute geeignet sind.

Herr Kaminski schreibt: Unabdingbar ist die Gleichwertigkeit aller Menschen. Das heißt jeder Mensch, ob jung oder alt, ob gebildet oder ungebildet, arm oder reich, hat unbedingt und unveränderlich den gleichen Wert. Es darf nicht nur vor dem Gesetz der gleiche Wert gelten. Auch darf kein ideologischer Unterschied in anderen Bereichen gemacht werden. Das schließt zwangsläufig Ideologien als Werte-Vermittler aus. Alle ideologischen Interpretationen, Definitionen von Werten, alle Zuschreibungen von Werten zu Ideologien, ob religiös oder weltlich sind ausgrenzend, da sie immer nur diejenigen Menschen als wertige betrachten, die der Ideologie angehören. Das bedeutet, dass Ideologien wie der Islam, das Christentum, der Konservatismus mit seinem Grundsatz der natürlichen Ungleichheit des Menschen nicht als Werte-Vermittler fungieren darf. Meint Norman Kaminski.

Minute 29.25

Sommer: Womit Herr Kaminski auch eine normative Aussage macht, die sehr stark ideologischen Charakter zu haben scheint. Denn zuerst einmal müsste festgestellt werden, dass die Gleichwertigkeit der Menschen oder die Gleichheit, wir hatten vorhin die Begrifflichkeit der Französischen Revolution, tatsächlich der einzige und alleinige Wert ist. In seiner Aufzählung von Ideologien hat er bezeichnenderweise den Kommunismus ausgelassen und man könnte natürlich sagen, dass ist die Ideologie, die die Gleichwertigkeit aller Menschen um jeden Preis behauptet und sobald einer etwas ungleicher ist, wird er auf die eine oder andere weise ausgeschaltet.

Wiebicke: Gerechtigkeit für Herrn Kaminski. Es gibt auch noch einen Absatz dazu, aber den habe ich unterschlagen.

Sommer: Also, ich würde mich nicht auf Äste hinaus begeben wollen, wo denn die berechtigte Vermittlung von Werten anfängt und wo sie aufhört. Faktum ist, dass alle möglichen Menschen, Menschengruppen, alle möglichen ideologisch politisch unterschiedlich Interessierten ihr Werte in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs einspeisen und damit muss man umgehen. Ich glaube nicht, dass es hilft einfach zu sagen, Ideologien dürfen nicht Werte einbringen. Sondern man muss hingehen und sich das anhören und dagegen argumentieren. Also Herr Kaminski ist überzeugt von der Gleichwertigkeit der Menschen, dass ist ein ausgesprochen ehrenwerter Wert. Und dann sollte er aber hingehen und denjenigen, die eine andere Wertskala einbringen wollen in den Gesellschaftlichen Diskurs, erklären warum das nicht so sein darf.

Wiebicke: Aber sie akzeptieren grundsätzlich, dass es Werte-Vermittler gibt? Es gibt nicht nur lauter einzelne, die untereinander verhandeln, welche richtige und wichtige Werte sind, sonder es gibt auch Werte-Vermittler?

Sommer: Ganz klar. Also es ist natürlich immer so, dass Werte von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen sehr stark vertreten werden, die ein Interesse daran haben, sei es ein reines Wertinteresse, sei es ein Interesse anderer Art, für das die Wertevermittlung als besonders gutes Vehikel erscheint. Und wir können uns diese Verhandeln über Werte nicht so vorstellen, dass wir jetzt alle hingehen und in einer ideal apriorischen Kommunikationsgemeinschaft alle mit gleichlangen Spießen uns über das vernünftigste unterhalten. Sondern Wertevermittlung ist immer auch eine Machtfrage. Das sehen sie, wenn sie eben zum Beispiel Ideologien haben, die ihre Werte in dem Bereich wo sie das Sagen haben auch mehr oder weniger flächendeckend durchsetzen können. Das können sie falsch finden, wenn sie das von Außen beobachten und auch wenn sie ein Opfer dieser Werte Ideologien sind aber sie müssen sich dazu irgendwie ins Verhältnis setzen und können nicht leugnen, dass da auch Werte gebraucht werden im übrigen…

Wiebicke: Aber das wird es doch gewesen sein, was früher ihren Zorn ausgelöst hat. Das Werte mit Machtfragen verknüpft sind.

Sommer: In der Tat hat das auch damit zutun. Also man tut ja eben dann häufig so, als seien die Werte etwas, was von diesen Machtfragen abgelöst ist. Das ist ja auch ein wenn sie so wollen, wesentlicher Punkt, der Selbsttäuschung von Werte-Vermittlern, die so tuen als ob sie einfach Werte vermitteln, die es als solche gäbe. Dabei haben sie mehr oder weniger durchsichtige Machtinteressen, die sie einfach nur durchsetzen wollen.

Wiebicke: 0800 5678555 wer noch etwas dazu sagen möchte, welche Werte heute wichtig sind, ob es sie überhaupt gibt, welche nicht verhandelbar sind. Oder die Mail an philo@wdr.de.

Nach kurzer Musik geht das Interview weiter (Minute 33.26)

Wiebicke: Zu Gast im Philosophischen Radio in WDR 5, Andreas Urs Sommer. Wir sprechen über Werte, in einer Zeit in der nach Werten gerufen wird und dahinter sich Unsicherheit und Orientierungslosigkeit artikuliert. Und Sven Laupitz schreibt: In einer modernen Gesellschaft sollte die Moral als Wertgrundlage mit Vorsicht genossen werden. Moral ist per se Vorschrift und Doktrin, ebenso wie Religion. Mittlerweile sollte doch die Ethik, Triebfeder für das Wertesystem sein. Denn sie ist es, die die Aufklärung fordert und schließlich im Humanismus ein Rahmen findet. Meint Sven Laupitz. Und sie müssten uns erklären, was denn eigentlich der Unterschied ist, zwischen Moral und Ethik.

Sommer: Das ist in der Tat eine schwierige Frage, die Herr Laupitz da aufwirft. Nämlich die Ethik nicht als Reflexionsinstanz der Moral zu verstehen, so würde ich sie verstehen, nämlich Ethik als etwas das darüber nachdenkt, wie Moralen funktionieren. Sondern er hat offensichtlich eine normative Ethik im Sinn, die abgelöst ist von den Moralen im Plural, wie sie im Hörerbeitrag von vorhin vorgeschlagen wurde. Ihre Moral wäre dann also sozusagen das ideologische und Ethik etwas, was davon völlig abgelöst ist. Nun wird man aber, wenn man sich in der ethischen Diskussion der Philosophie aber auch angrenzender Wissenschaften umschaut, sehr schnell ein ernüchterndes Bild machen. Nämlich ein Bild, das höchst unterschiedliche und vor allen Dingen einander wiedersprechende Ethikentwürfe zeigt, sodass ich große Zweifel habe, dass es eine normative, eine, normative Ethik gibt, die uns irgendwie hinaus führt, aus dem Dilemma, das wir mit verschiedenen Moralen konfrontiert sind und keine moralische Letztbegründungen finden.

Wiebicke: Um das mal praktisch zu machen. Es gibt ja den Wunsch von vielen im Moment, dass sie sagen: Ja wenn wir Ethikunterricht in den Schulen hätten, dann wären manche Konflikte nicht mehr da.

Sommer: Da habe ich meine großen Zweifel. Mir scheint, dass die Ethikunterrichts-Lektionen die wir so bekommen eher dazu dienen sollten, die Reflexion auf die Moral zu befördern und nicht die Konflikte aus der Welt zu schaffen, weil es ganz unterschiedliche mögliche ethische Orientierung gibt, die sich nicht vereinen lassen. Wenn sie sich für ein utilitaristisches Modell entscheiden in der Ethik, ein Modell das am größten möglichen Nutzen, der größten möglichen Zahl orientiert ist, dann sind sie in einem ewigen Widerspruch mit einem Kantianer, der sagt es gibt ein unbedingtes sollen und eine unbedingte Pflicht, die ihm die Vernunft auferlegt. Die beiden, der Utilitarist und der Kantianische Sollensethiker kommen nicht zueinander. Das werden sie vielleicht im Philosophie- Ethikunterricht in der Schule dann auch mitbekommen. Also keine Hoffnung darauf, dass der Ethikunterricht die Konflikte aus der Welt schafft. Was auch nicht schlimm ist, weil Konflikte etwas sehr produktives sein können.

Minute 36.40

Wiebicke: Hans Peter Knirch meldet sich am Telefon. Herr Knirch ich grüße Sie.

Knirch: Ja, guten Abend Herr Wiebicke, guten Abend Herr Sommer.

Sommer: Herr Knirch, guten Abend.

Knirch: Ich würde gerne der These der Liquidität, oder der Quecksilbrigkeit der Werte Wiedersprechen wollen, weil ich glaube, dass es schon sehr wichtig ist, sich auf bestimmte Grundwerte, ich würde sogar sagen, auf einen bestimmten Grundwert zu verständigen in einer Gesellschaft. Und dieser Verständigungskonsens scheint mir in unserer Gesellschaft im Moment nicht mehr so vorhanden zu sein und die These von der Quecksilbrigkeit ist insoweit aus meiner Sicht gefährlich, weil er diese Beliebigkeit und das Auseinanderdriften sozusagen der Wertvorstellung begünstigt. Jetzt werden Sie fragen welchen Grundwert ich habe, aus dem sich aus meiner Auffassung auch die Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die schon genannt worden sind, die ich auch für sehr wichtig halte, ableiten lassen, oder von dem man sie ableiten kann. Das wäre der Grundwert des Respektes vor anderen Menschen vor dem Leben. Das ist ein Grundwert, wenn sie einen anderen Menschen respektieren, dann unterdrücken sie ihn nicht. Das heißt, sie setzen sich nicht für ein System ein, oder sie benutzen nicht ein System, dass Freiheit unterdrückt. Wenn sie einen anderen Menschen respektieren, dann lassen sie ihn nicht verhungern, dann sind sie solidarisch. Also da ist der Aspekt der Gleichheit, der Brüderlichkeit - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, alles lässt sich eigentlich davon ableiten. Und der Respekt vor dem anderen Menschen, das scheint mir etwas, was in unserer Gesellschaft im Moment völlig, völlig ins Hintertreffen geraten ist. Und in sowas halte ich die These von Herrn Sommer für gefährlich, weil sie so ein bisschen diese Patchwork Werte-Gesellschaft begünstigt. Man hat eigentlich eine gute Entschuldigung, wenn man Herrn Sommer folgt, wenn man sagen kann, naja Werte ändern sich je nachdem, ob ich gerade auf dem Weg vom Studio nachhause bin oder ob ich im Studio bin, oder ob ich in einer Disco bin, oder sonst was machen. Dann sind eben gerade andere Werte wichtig, also naja, ist ja nicht so entscheidend.

Sommer: Herr Knirch, ich verstehe es so. Es gibt bestimmte Dinge für die muss man die Leidenschaft aufbringen auch notfalls dafür ins Feuer zu gehen. 

Minute 39.18

Knirch: Auf jeden Fall auch. Ich meine aber nochmal, der Begriff des Respektes vor dem Leben vor dem anderen Menschen, ich würde sogar sagen vor der Kreatur oder auch vor der Natur, das ist etwas zu dem nur der Mensch fähig ist. Nur der Mensch ist in der Lage zu reflektieren und deswegen ist Respekt meines Erachtens ein Menschlicher Grundwert, von dem sich sämtliche Werte, auch der Aufklärung, ableiten lassen. Und es wäre sehr viel gewonnen für unsere Gesellschaft, für unsere jetzige gesellschaftliche Diskussion, wenn wir diesen Aspekt oder diesen Begriff des Respektes in die Debatte einführen würden.

Wiebicke: Ja, lassen sie uns - Das lassen wir sacken, Ihren Vorschlag was den Respekt angeht. Aber wir müssen uns darauf konzentrieren, dass Sie ja gerade eine Attacke gegen Herrn Sommer geritten haben und ihm Beliebigkeit und Gefährlichkeit vorgeworfen haben.

Sommer: Ich habe gar nichts dagegen, lieber Herr Knirch, wenn die Philosophie gefährlich ist. Ich denke, sie sollte eigentlich wesentlich gefährliches denken sein und ich würde das durchaus nicht als vorwurfsvoll, sondern eher als Kompliment für mein eigenes Philosophieverständnis verstehen. Ich gebe zu, dass ich die Diagnose der Gegenwart als, wenn sie wollen, Moral oder Werte vergessenen Beliebigkeit nicht so teile, weil ich immer wieder staune, wie gut das funktioniert eben ohne das wir ein Einheitswert haben. Ich glaube auch, dass das Angebot, das sie machen mit dem Respekt, wenn man sich es etwas näher anschaut, zumindest schwierig wird, denn wenn sie den Respekt ausdehnen, wie sie es am Ende ihres Votums getan haben, nämlich Respekt vor der Kreatur oder vor dem Leben, dann wird man immerzu gezwungen sein, zu entscheiden, eine Wahl zu treffen, zwischen verschiedenen Formen von Leben. Was zum Beispiel rechtfertigt es, etwa zugunsten von Menschen, Leben zu op­tie­ren, und nicht zugunsten von Leben von Insekten oder von anderen Primaten, warum sollte das menschliche Leben würdiger sein, als das Leben von anderen Lebewesen. Wie sieht es denn konkret aus. Wenn wir jetzt nun im humanen Bereich bleiben, was Respekt vor dem anderen Menschen bedeutet, wenn jemand den dringenden Wunsch äußert, in einer schweren Krankheit von ihnen ein tödliches Gift verabreicht zu bekommen, wäre es nicht Respekt vor dem Leben des Anderen, ihm dieses tödliche Gift zu gewähren oder wäre es viel mehr Respekt vor seinem Leben, ihn um jeden Preis am Leben zu erhalten…

Minute 42.00

Wiebicke: Herr Sommer…

Sommer: …mir scheint der Begriff des Respektes ausgesprochen schwierig und als Grundwert würde ich ihn nicht empfehlen, zumal er so eine autoritäre Schlagseite hat, also Respekt ist das was man vor der Obrigkeit oder vor den tyrannischen Eltern und Lehrern haben sollte, also Respekt würde ich nicht empfehlen als Grundwert.

Wiebicke: Ich hab das Gefühl, der Respekt müsse eigentlich mal einen eigenen Abend verdienen. Das schafft man in wenigen Minuten nicht, dass ausfüllend zu besprechen. Aber nochmal die Geschichte mit der Beliebigkeit. Und das was in Ihrem Buch zu finden ist Herr Sommer, ist ja so eine Art fröhlicher Werterelativismus, und die Gegenposition nennt sich Universalismus, dass heißt, zum Beispiel mit Bezug auf die Französische Revolution oder mit Bezug auf die Menschenrechte, dass man sagt es gibt zwar eine historische Entstehung, aber die Ideen, die da entwickelt worden sind, die gelten nicht nur für die Gesellschaften, die das erfunden haben, sondern die sind universal gültig. Wollen sie das verabschieden?

Sommer: Ich würde einen metaphysischen Werte-Universalismus tatsächlich verabschieden wollen, eben gerade, weil ich schon begrifflich größte Schwierigkeiten habe, die Dinge, die als universell angesetzt werden, miteinander ins Verhältnis zu setzten. Ich habe das vorhin bei den Werten der Französischen Revolution - Werten vielleicht in Anführungszeichen, da zu charakterisieren versucht wo da meine Schwierigkeiten liegen. Ich würde allerdings auf jeden Fall weiter dafür plädieren, dass wir an diesen Werten festhalten, weil wir sie für uns, für unsere Kontexte für nützlich halten, dass wir bereit sind, dafür ins Feuer zu gehen. Ich würde nur davor warnen, sie als letzte metaphysische Sicherheiten zu akzeptieren und das wir zum Beispiel in politischen Verhandlungen etwa mit Staaten, in denen diese Werte nicht so hoch gehandelt werden, wie bei uns, sie sehr wohl in die Waagschale werfen. Das finde ich absolut richtig, aus meiner Perspektive absolut richtig. Es wäre aber vermessen, meine eigene Perspektive oder die europäische Perspektive nun so zu verabsolutieren, dass ich sagen würde, es ist das was das Menschsein an sich ausmacht. Also historisch nicht nur geworden, sondern historisch eben auch im Sein und in der Zukunft.

Wiebicke: Herr Knirch noch eine Schlussbemerkung von Ihnen zu der Frage, wie man eigentlich aus der derzeitigen Situation, die Sie als einigermaßen krisenhaft beschrieben haben, rauskommen kann. Wie stellen Sie sich einen guten Prozess von Verständigung über Werte vor?

Knirch: Das ist natürlich eigentlich die Königsfrage. Ich gebe zu, dass natürlich meine Argumentation auch, ich sage mal, neben der philosophischen Seite auch ganz klar eine politische Argumentation ist. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, in der der Respekt verloren geht, der Respekt vor dem anderen Menschen, dass diese Gesellschaft keine Grundlage mehr hat. Das heißt, das ist primär nicht nur eine Aufgabe des Philosophen, sondern eben auch der im öffentlichen Bereich tätigen Menschen, das müssen jetzt nicht nur die Politiker im klassischen Sinne sein, sich so zu verhalten, dass man sie auch respektieren kann. Zu zeigen, dass sie andere respektieren. Mit dieser Vorbildfunktion glaube ich, wäre schon viel getan. Ein Satz bitte noch zu Herrn Sommer: Natürlich löst man mit dem Begriff des Respektes nicht die Abwägungskonflikte, völlig klar. Es ist völlig klar, dass es natürlich immer noch Abwägungskonflikte geben kann, auf der Ebene drunter sozusagen, unter der Respektebene, völlig zugestanden. Aber trotzdem, ich bleibe dabei, dieser Werte-Relativismus, der bei Herrn Sommer zum Ausdruck kommt, den halte ich für ausgesprochen Gefährlich.

Minute 45.58

Wiebicke: Da machen wir jetzt einen Punkt, was Sie betrifft. Danke für den Anruf.

Und wir schaffen auch noch Anke Schneiker, die sich aus Lemgo meldet. Frau Schneiker, guten Abend.

Schneiker: Ja guten Abend Herr Wiebicke, guten Abend Herr Sommer.

Sommer: Guten Abend Frau Schneiker.

Schneiker: Ich hatte einfach die Assoziation zu den Werten, dass eine Gesellschaft, eine Gruppe, die Werte hat, eine Zukunft hat. Das heißt, über die Gegenwart des einzelnen hinaus gibt es durch den Wert den man in einer Gruppe hat oder den Wertekodex den eine Gruppe hat, eine Zukunft, die mein persönliches individuelles Leben überdauert. Und das ist sozusagen ein versprechen, dass ich über diese Werte hinaus meinen eigenen Tod überwinden kann, weil diese Gruppe oder dieser Wertekanon diese Zeit, meine Gegenwart übersteht. Und das ist auch eine art Versprechen für die Gruppe, dass es sie auch in Zukunft geben wird.

Wiebicke: Aber wer ist die Gruppe?

Schneiker: Also die Gruppe, dass ist jetzt nicht eine spezielle Gruppe, sondern das sind die Menschen, die sich diesen Werten anschließen oder für die diese Werte Gültigkeit haben. Das können alle möglichen Gruppen sein. Das können Ärzte sein, die sich dem Patienten verpflichten und diesen Ehrenkodex sozusagen als Wertekanon haben, es kann die Gruppe der Priester sein, es kann die Gruppe der Mütter sein, es können unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichen Gesellschaften sein.

Wiebicke: Das ist, wie soll ich sagen, ein ziemlich großes Ideal was Sie aufrichten, dass wir nämlich in dem wir uns über Werte verständigen nicht nur aus Vereinzelungen rauskommen, sondern auch noch etwas schaffen können, was über die eigene Sterblichkeit hinaus reicht. Herr Sommer?

Sommer: Ein sehr interessanter Gedanke, den sie da einbringen Frau Schneiker. Der vielleicht zu dem Gedanken, den wir vorhin diskutiert haben, nämlich zum Rechtfertigungsaspekt noch hinzugenommen werden kann. Das wir also uns über Werte definieren, weil wir damit unsere eigene kleine partikulare Existenz in gewisser Weise überwinden. Das könnte ein wesentliches Motiv sein, sich anzuschließen. Man könnte es natürlich auch ein bisschen salopper formulieren und sagen, naja die Werte sind das Eintrittsticket zu irgendetwas dazu zu gehören, zu einer sozialen Gruppe dazu zu gehören. Sie haben jetzt die Priester oder die Ärzte als Beispiele genannt. Die sozusagen spezifische Wertekodizes ausbilden und die weiter tradieren, wenn sie sozusagen diesen Werte, diesen Wertekodex der ein oder der anderen Gruppe quasi zustimmen, ihm beitreten, dann können sie sich in dieser großen Gruppe aufgehoben fühlen. Natürlich könnte es auch dazu führen, dass sie als Individuum dann in diesem ganzen untergehen. Das sie also, weil sie eben keine eigenen, wenn sie wollen, Werteakzente setzen, damit das Individuum gerade nicht überleben - in Anführungszeichen überleben- sondern…

Wiebicke: Das heißt es kommt drauf an, dass man aus solchen Gruppen auch wieder raus kommen kann.

Sommer: Das haben andere versucht. Sie haben vorhin ganz zu Beginn Herr Wiebicke unserer Sendung angedeutet, dass wir vielleicht noch über Nietzsche sprechen würden, müssten. Der eine Umwertung der Werte propagiert hat -unter dieser Terminologie- und gerade das versucht hat, gerade versucht hat, dadurch, dass er alles außer Kraft setzt, was bisher an Werten Gültigkeit zu haben schien, sich in eine singuläre Weltgeschichtliche Stellung zu bringen. Ob ihm das gelungen ist oder nicht, dass lasse ich dahingestellt, aber er hat es versucht sozusagen sich die Unsterblichkeit zu sichern, mit den gegengesetzten Strategien, die Frau Schneiker vorstellt. Also nicht in dem er sich angeschlossen hätte, einer Werte-Gruppe oder einem Wertekodex, den eine bestimmte Gruppe von Menschen vertritt, sondern in dem er gesagt hat, nein, ich mache es ganz anders.

Wiebicke: Ich mach’s alleine.

Sommer: Ich mach’s ganz alleine.

Wiebicke: Mhm, ja das sind die Alternativen Frau Schneiker. Danke, dass Sie das noch gesagt haben.

Schneiker: Ja ich meinte auch nicht, dass die Werte feststehen, sondern ich bin auch der Meinung, dass eine Gruppe durchaus eine lebendige Dynamik in ihren Wertvorstellungen beibehalten sollte. Es sollte jetzt nicht in Stein gemeisselt sein, sondern es sollte durchaus auch sich weiterentwickeln können.

Sommer: Und das sieht man ja auch bei den gesellschaftlichen Gruppen. Also wenn sie die Priester nehmen, etwa die der katholischen Kirche. Da hat sich in 100 Jahren unglaublich viel getan, in dem was an Werten in diese Gruppe gilt. 

Schneiker: Ja.

Winke: Schönen Abend für Sie Frau Schneiker, dank. 

Schneiker: Ja, Dankeschön.

Wiebicke: Zum Schluss noch der Hinweis auf das Buch von Andreas Urs Sommer. Es heißt „Werte, warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“. Und erschienen ist das Buch bei Metzler. Herzlichen Dank für diesen Abend Herr Sommer.

Sommer: Ich danke ihnen Herr Wiebicke.

Wiebicke: Auf wdr5.de gibt es natürlich auch diese und frühere Ausgaben des philosophischen Radios, zum Nachhören. Und Sie können den Podcast, wenn Sie mögen, auch kostenfrei abonnieren.

Und nun, danke fürs Zuhören, grübeln sie nicht zu viel.


Letzte Bearbeitung am 08.12.2017