Frank H. Sauer über Werte

Ein paar Worte des Herausgebers zum Thema Werte

Wertvorstellungen besitzt der Mensch[1] seit er denken kann. Das liegt in seiner Natur. Meist unbewusst – aber er tut es – und zwar jeden Tag. Einige aus dieser Spezies haben es sich zum Sport gemacht, darüber konkreter und weiter nachzudenken, als der sprichwörtliche Tellerrand reicht.

Meine Intention war es, auch über die Tischkanten hinaus zu gehen. Einzutauchen in die Welt der Werte. Dass dies intensive Arbeit bedeutet, war mir seinerzeit nicht bewusst.

Nach fast 25-jähriger Denkarbeit, über 20 Jahre Aktivitäten als Berater und Coach mit den Themen persönliche Werte und Unternehmenskultur sowie seit 2014 weit über 1000 Stunden fleißiger, konkreter Handwerksarbeit ist das vorliegende Werk in seiner ersten Ausgabe fertig. Es ist noch nicht vollendet, aber immerhin ist der Anfang gemacht. Der Anfang einer sicher auch weiterhin spannenden Reise mit dem Thema Menschliche Wertvorstellungen.

Was Werte sind, und dass man über Werte kontrovers diskutieren kann, ist sicher jedem bewusst, der sich damit auseinandergesetzt hat. Dabei ist das konkrete Beschäftigen mit Wertvorstellungen fast so alt wie das Denken[2] selbst. Bereits in der Antike gab es entsprechende Schriften und Modelle. Von Wertesystemen hatte man sicher noch nicht gesprochen. Aber wohl darüber, dass der Mensch wissen müsse, was ihm sinnvoll und wertvoll erscheint und welche Vorstellungen er darüber pflege sollte.

Insbesondere Philosophen in spirituell oder intellektuell geprägten Zeiten haben sich standesgemäß mit Wertvorstellungen beschäftigt. Dies wird deutlich, wenn man den zahlreichen heute existierenden Überlieferungen Glauben schenkt. Als einige bedeutende Beispiele seien hier auszugsweise die Mayas, zahlreiche Naturvölker, Buddha, Konfuzius, Pythagoras von Samos, Paracelsus, Hippokrates von Kos, Platon, Aristoteles, Plotin, Sokrates, Jesus von Nazaret, Mohammed, Meister Eckhart, Leonardo da Vinci, Martin Luther, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Rudolf Steiner, Hermann Hesse, Joachim-Ernst Behrendt, Albert Schweitzer, Werner Heisenberg und Albert Einstein genannt.

Sie hatten eines gemeinsam: die Sinnhaftigkeit der Welt über jeweils bestmögliche Werte und Normen für den Menschen zu definieren, um ein Optimum an Lebensqualität für Einzelne und für Alle zu erreichen, wie auch immer der Einzelne dies schließlich aus seinem persönlichen Weltbild heraus umzusetzen vermochte. Sie hatten sich theoretisch und Thesen schaffend mit Ethik und Moral, aber teils auch praktisch mit Fortschritt und evolutionärem Wandel beschäftigt. Ihre Motive waren die Vision für eine bessere Welt. Ihre bis heute existierenden Widersacher waren kollektive Egoismen, Macht, traditionelle Dogmen, Ausbeutung und Wucher.

Wir können heute feststellen, dass sich seither nicht viel geändert hat. Die wichtigste Errungenschaft jedoch ist, insbesondere seit Ende des zweiten Weltkrieges, die seitdem recht gut etablierte und allseits geschätzte Demokratie[3]. Sie ist aber nach meinem Ermessen noch nicht der Zenit der bestmöglichen ethischen Wertschöpfung, denn in der Demokratie wird systematisch gestritten und vereinzelt sogar willentlich bösartig diffamiert. Dies zwar auf diskursivem und moralisch relativ vertretbarem Niveau – also ohne direkte physische Gewalt – aber nicht im Sinne von vorbildlicher und größtmöglich ausgelebter Wertschätzung und Ethik. Und schon gar nicht im Sinne von Menschlichkeit für alle Menschen auf diesem Planeten.

Ja, die Welt rückt immer mehr zusammen. Seit den 1990er Jahren zunächst über neue Informationstechnologien und in Folge aus dem daraus erwachsenen globalen Bewusstsein. Dies bietet zwar nachweislich Chancen für Machthaber und Egozentriker aber gleichermaßen für ethisch und phantastisch denkende Weltverbesserer. Utopien[4] sind heute realisierbar, Google & Co sind erst am Anfang.

Mut machen hier die heutigen Vertreter von Werten, welche sinnsuchendes sowie vermehrt auch sinnstiftendes Gedankengut publizieren und in der Öffentlichkeit darüber reden. Im Fernsehen, auf YouTube und in den Sozialen Medien – dort „gehen sie viral[5]“. Sie erhalten dabei verhältnismäßig großen Zuspruch – vor allem in den sog. neuen Medien. Einige seien hier von mir genannt und gerne für Ihre Courage und soziale Intelligenz ausgezeichnet: Pater Anselm Grün, Gerald Hüther, Richard David Precht, Harald Lesch, Peter Prange, Dieter Frey, Sir Ken Robinson, Uwe Böschemeyer, Jesper Juul, Kerstin Schweighöfer, Thomas Schmelzer und natürlich einige mehr. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass es mir nicht nur um deren Inhalte geht, sondern um das Engagement, mit dem sie sich deutlich zu globalen sozialen Werten bekennen.

Besonders umfangreich ist ein Werk aus dem Jahr 1995, das den Namen „Das Buch der Werte - Wider die Orientierungslosigkeit in unserer Zeit“ trägt. Es wurde herausgegeben vom Theologen und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Ich hatte mit Herrn Schorlemmer eine nette Konversation per Briefwechsel, der sich über meine Arbeit an diesem „großen“ Buch der Werte positiv äußerte. Er gestattete mir großzügig, aus seinem Buch zu zitieren, was ich auf einigen der nachfolgenden Seiten tue. Hier schon mal ein Auszug aus seinem inspirierenden Vorwort (S. 18 des Taschenbuchs): 

„Ein wertvolles Leben ist ein Leben das Werten folgt, die einem Menschen sein Leben so sinnvoll wie (be-)glückend erscheinen lassen: Wenn er nämlich in aller seiner Zwiespältigkeit Heilsein erfährt, wenn er die Fixierung auf das Eigene überschreitet und sich ganz einem anderen zuwendet, wenn die Berechnung aufhört und Selbstlosigkeit beginnt, wenn der Erfolg die Folgen mitbedenkt, wenn das Sein-Können das Haben-Wollen aufhebt, wenn der Frieden mit sich selbst im Frieden mit allem ruht, wenn die Tapferkeit vor dem Freund größer wird als die Angst vor dem Feind, - dann wird Leben so sinnvoll wie glückend.“

Der schweizerische Philosoph Andreas Urs Sommer hat mit seinem Buch „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“ eine Art Diskussion angestoßen – welche von intellektuellen Medien gerne aufgegriffen wird. Das Motto lautet: „Hauptsache kontrovers diskutieren, These und Antithese gegenüberstellen, aber keinerlei Verständnis für den aktuellen „Zeitgeist“ haben. Um in Werten zu sprechen: „Tradition statt Innovation“ bzw. „strukturiertes Festhalten an alten intellektuellen Denkmustern, statt vernunftbegabte und intuitive Evolution des menschlichen Geistes, der das unbekannte Neue freudig und achtsam zulässt“. Ich schätze Herrn Sommer als einen sehr intelligenten und klugen Menschen, aber er könnte etwas optimistischer und lockerer rüberkommen – dem Zeitgeist der Werte entsprechend.

Jetzt aber zurück zur Frage: Was könnte nun nach den Regeln der kollektiven Evolution erfolgen bzw. der nächste Schritt zur Besinnung sein, um Glückseligkeit für die größtmögliche Anzahl von Menschen herzustellen bzw. zu ermöglichen? Dieser Frage bin ich ausgiebig nachgegangen und habe sie zunächst konkretisiert: Was folgt dem globalen Zeitalter der Information? Einem Zeitalter, das unfassbare, ständig wachsende Mengen an Informationen konfrontativ, unsortiert sowie penetrant und scheinbar wichtig produziert und dann auf möglichst viele Menschen einprasseln lässt.

Psychologen sehen die wachsende Flut an Informationen als Hauptgrund für das zunehmende Burnout-Syndrom. Meine Forschungen haben ergeben, dass es daneben einen weiteren Grund für Burnout – und ähnliche Symptome – gibt: die Verletzung der persönlichen Integrität. Also, das Geringschätzen und stark vernachlässigte Ausleben der wesentlichen eigenen Wertvorstellungen, welche immer von innen heraus (intrinsisch) motiviert sind.

Innerlich seit jeher getrieben, wollte ich deswegen, als intuitiven aber auch pragmatischen Beitrag, ein Werk schaffen, welches nicht den Kodex selbst, sondern die möglichst konkrete und genaue Kodifizierung des längst vorhandenen Wissens dieser lebenswerten Menschlichkeiten zusammenfasst und der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Jeder Mensch soll verstehen, was Werte sind, welchen Sinn sie haben und was diese für ihn selbst als Person sowie im Zusammenleben (interdisziplinäres Interagieren) mit anderen Menschen bedeuten.

Ein weiterer Schritt ist dieses Buch, das nicht den Anspruch hat perfekt zu sein, sondern „bestmöglich“, zum jetzigen Zeitpunkt für ein zumindest etwas besseres Verständnis über das, was das Leben wertvoll macht: bewusste Wertvorstellungen – und das, was daraus erwachsen wird.

Es ist von großem Nutzen, sich darüber Gedanken zu machen, was wirklich wichtig ist im Leben. Für Einzelne aber auch deren Umfeld und vor allem für die Gemeinschaften, in denen wir leben

Von den großen, etablierten Religionen wird viel Gutes gepredigt, aber sie sind historisch institutionell dogmatisch, zeitweise kriegerisch, missverständlich, herabwürdigend und missgünstig. Und vor allem: sie sind nicht wirklich weltoffen – in Teilen barmherzig, aber nicht weltoffen. Dies ist der memetisch[6] tief sitzenden „Erbsünde“ oder auch einem „Karma“ geschuldet und der Ansicht, dass der Mensch ein Sünder[7] und kein Schöpfer[8] sei.

Der Begriff Religion bedeutet „zurückbinden, anbinden, festbinden“ (aus lateinisch „religo“ und „religare“) – also quasi das Pendant von Evolution, von nach Vorne ausgerichtetem Denken, dass die Zukunft besser machen möchte, anstatt in Traditionen zu verharren. 

Institutionelle Religionen besitzen in ihrem nachhaltigen Wirken nur selten global ethische Intelligenz, da sie mit Andersgläubigen eine harmonische Beziehung in Eintracht bezweifeln oder ablehnen. Ob das der Grund für zahlreiche Ehrenmorde, Kreuzzüge, terroristische Anschläge oder ähnliches ist mögen andere beurteilen. Es scheint so, dass der in seinem Kern nicht organisierte und politisierte Buddhismus die Tugenden, mit denen man Frieden, Freiheit im Geiste, Toleranz, Nächstenliebe, Selbstachtung und Weisheit aufbauen kann beherbergt. Vielleicht ist das der Grund, warum es immer mehr Menschen aus der sog. westlichen Welt zu diesen Weisheiten und deren Rituale hinzieht. Oft versteckt und hinter vorgehaltener Hand.

Reiki, Yoga, Quigong, Feng Shui, Ayurveda, Tai-Chi, Meditation und sogar Unani boomen und machen den traditionell westlichen akademischen Schulweisheiten mächtig Konkurrenz. Ebenso auch die Überbleibsel der durch Europäer ausgerotteten Naturvölker, welche – z.B. über den Schamanismus – großen Zulauf haben. 

Wir brauchen mehr Non-Konformismus und das unschuldige „Infragestellen“. Die dazu intuitiv intelligenteste Frage der Welt wird weltweit am meisten gestellt – am Häufigsten von Kindern. Es ist die Frage nach dem „Warum“. Die „Warum-Frage“ ist nicht nur bloße Neugierde oder nervenaufreibendes Gefrage, sondern evolutionsbedingte Ursachenforschung

In einer oberflächlichen Welt, die keine Zeit für ausgefeilte und kluge Antworten hat, kann das anstrengend sein. Kinder fragen scheinbar sinnloses, wie z.B.: „Warum ist der Ball rund“ – oder noch besser: „Warum ist blau blau?“. Obwohl ein Erwachsener mit dem Beantworten dieser Fragen zum Held der „Kleinen“ werden könnte, machen sich nur Wenige die Mühe, darüber nachzudenken und mit Leidenschaft eine befriedigende Antwort zu liefern.

Eine Warum-Frage beinhaltet das Motiv, Normen und Werte zu ergründen, welche dem jeweiligen Bereich zugrunde liegen. Oder wie Friedrich Nietzsche es formulierte: „Wer ein WARUM zum Leben hat, erträgt fast jedes WIE.“

Scheinbar weiß ein junger Mensch intuitiv, dass es wichtig ist, die Spielregeln zu kennen, um das Spiel des Lebens zu spielen. Viele Erwachsene haben dafür allerdings wenig Muße und antworten nur oberflächlich. Damit säen Sie die geistige und intellektuelle Saat, die ihre Nachkommen zu den gleichen oberflächlichen Menschen werden lässt. Das ist nicht Evolution – im Sinne von lateinisch „evolvere“ = Heraus- oder Weiterentwicklung, Entfaltung – sondern Stillstand oder gar Degeneration.

Nach dem Warum fragen, ist der achtsamste Schrei nach Freiheit.

Da es hier um Werte geht und wir wissen, dass Werte stets aus bestimmten Grundmotiven erfolgen, ist es wichtig, sich mit den Ursprüngen von menschlichen Wertvorstellungen zu beschäftigen. Und deshalb ist die Warum-Frage eine wichtige und intelligente sowie zuweilen auch die schönste Frage der Welt.

Nun ist es angebracht die Frage zu stellen: „Warum gibt es Werte?“ Und konkreter: „Was ist ihr Sinn und Zweck?“ Ich gehe bestenfalls davon aus, dass diese Frage dem zugeneigten Leser während der Lektüre dieser Webseite  – oder besser: dem interessierten Querlesen und Studieren – beantwortet wird.

Wenn nicht – oder auch sonst – stehe ich Ihnen gerne für Fragen zur Verfügung.

Herzliche Grüße

Frank H. Sauer

 

(Köln, am 02.01.2014)


Fußnoten

[1] Der Mensch: das höchstentwickelte Lebewesen, das gesellschaftlich lebt und arbeitet, die Fähigkeit zu denken und zu sprechen hat, die Welt in ihrer Gesamtheit erkennen und nach dem Maß seiner Erkenntnis planmäßig verändern und gestalten kann. (Quelle: dwds.de)

[2] Das Denken: aus althochdeutsch „thenken“ = „geistig arbeiten“; es denkt nicht das Gehirn, sondern das Wesen als solches; als Kausativum im Ablaut verwandt mit „Gedanken“ und „Dank“; wiederum abgeleitet in „dünken“ = „einbilden“ (heute eher „ausdenken“).

[3] Demokratie: Aus griechisch "dēmos" = "Staatsvolk" und "kratós" = "Macht, Herrschaft". Eine Herrschaftsform der politischen Ordnungen bzw. politischer Systeme, in denen die Macht vom Volk ausgeht; unmittelbar oder durch Auswahl entscheidungsbefugter Repräsentanten. Demokratie zeichnet sich insbesondere durch, freie Meinungsäußerung, freien Wahlen (mit Mehrheitsprinzip), dem Schutz von Bürgerrechten, einem Minderheitenschutz, der Akzeptanz einer politischen Opposition sowie dem Schutz von menschenwürdigen Grundrechten aus.

[4] Utopie: eine Idee, die so wirklichkeitsfern oder fantastisch ist, dass man sie scheinbar nicht verwirklichen kann.

[5] Virales Publizieren heißt, dass in den neuen Medien an sog. Follower gesendet wird, die wiederum interessante Botschaften in Ihren jeweils eigenen Freundeskreis „teilen“. So entsteht ein viraler Effekt, ähnlich einer Zellteilung, die durch Verdoppelung (Teilung) ein exponentielles Wachstum (Verbreitung) zur Folge hat. 

[6] Mem (Memetik): Bewusstseinsinhalt, zum Beispiel ein Gedanken, der durch Kommunikation weitergegeben und vervielfältigt worden ist. Ein Mem ist somit soziokulturell vererbbar, so wie Gene auf biologischem Wege vererbt werden. Entsprechend unterliegen Meme einer soziokulturellen Evolution.

[7] Sünder (mit Sünde behafteter Mensch): Ein von Religionen geprägter Begriff, der einen Menschen pauschal und in seinem Grundwesen als Unvollkommen und in Teilen böse denkend bewertet. Als Ergebnis ist der an dieses Dogma glaubende (konformistische) Mensch reuig (büßig) und folgt eher Normen und Dogmen, statt selbstbestimmten Wertvorstellungen.

[8] Schöpfer: Ein kreatives Wesen (welcher Natur auch immer), das ein hohes Bewusstsein über nutzbringende Tatkraft besitzt und dabei seine Intuition und das ethisch wichtige Wissen nutzt, um Wertschätzung in Wertschöpfung zu transformieren.


Letzte Bearbeitung am 27.07.2017